Prolog

12. November

„Und?“

„Was, und?“

„Und das ist alles was Sie mir dazu sagen können, Dr. Hansen?“

„Tja, ich fürchte, so ist das. Wir haben diese Werte gemessen, das Labor hat den Befund bestätigt und es ist leider ein recht eindeutiges Ergebnis.“

„Hmm ….und wie viel Zeit geben Sie mir noch?“

„Schwer zu sagen. Die Krankheit ist schon sehr weit fortgeschritten. In diesem Stadium ist mir kein Fall in der Historie bekannt, der noch geheilt worden wäre. Sehen Sie, ich möchte Ihnen da keine falschen Hoffnungen machen, denn ich weiss dass Sie und Ihre …“

„Wie lange noch?“, fiel er ihr ins Wort. „Ich meine, realistisch – nicht mit irgendwelchen falschen Hoffnungen.“

„Tja, nun… ich gehe davon aus, dass Sie das neue Jahr wahrscheinlich nicht mehr erleben werden.“

Er atmete tief ein. Er warf einen Blick zum Kalender. Ein kleines Plastikkästchen umrahmte eine 12, und über dem Block aus Zahlen war November zu lesen.

  1. November.

Hmmm … heute hat Neil Young Geburtstag, dachte er sich. Der lebt immer noch, obwohl er schon zwanzig Jahre älter ist als ich.

‚They had the best protection,
they were poisoned with selection,
there was nothing that they needed,
they had nothing left to find‘

hatte er in ‚Thrashers‘ gesungen. Dieser kanadische Musiker und Komponist hat sich über Jahrzehnte hinweg alles Mögliche reingezogen und wird trotzdem älter als ich. Ungerecht ist das, und irgendwie auch ironisch.

  1. November.

Das sind bis zum Jahresende noch, Moment… – also der November hat noch 18 Tage, und der Dezember 31…. macht zusammen also 49 Tage.

49 Tage.

Sieben Wochen gab ihm Dr. Hansen noch – maximal, versteht sich. Es wäre auch sinnlos, deswegen wütend auf Dr. Hansen zu sein. „Don’t shoot the messenger“ dachte er sich, und außerdem war Dr. Hansen auch eine exzellente Ärztin – und eine attraktive noch dazu. Ihre langen hennaroten Haare hatte sie im Dienst meistens hochgesteckt, ihre weiße Haut verlieh ihr eine edle Noblesse, doch beim Blick über den Brillenrand blitzte aus ihren Augen eine Klarheit auf, die keine Missverständnisse zuließ.

Dr. Hansen war ihm immer sehr sympathisch gewesen. Er mochte Frauen, die etwas geheimnisvoll erschienen und gleichzeitig über einen hoch entwickelten Verstand verfügten. Keine Frage – wenn sie meinte „das neue Jahr nicht mehr erleben“, dann machte es auch keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen.

49 Tage.

„Es tut mir sehr leid, auch für Ihre Familie. Ich schlage vor, Sie nehmen sich den Rest des Tages Zeit für sich selbst und reden dann mit Ihrer Familie und Ihren Freunden darüber.“

Schweigen.

„Es ist wichtig, dass Sie die noch zur Verfügung stehende Zeit darauf verwenden, alles in Ihrem Sinne zu regeln. Die Krankheit selbst verläuft eher unspektakulär: Müdigkeit, ab und zu auch mal Schlaflosigkeit, weniger Appetit, Antriebslosigkeit, vielleicht ab und an auch mal etwas Aggression – aber alles in allem kaum Schmerzen. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen auch Medikamente verschreiben, die…“

„Nein, nein, danke, aber ich möchte diese Zeit lieber bewusst erleben, statt mich mit irgendwelchen Betäubungsmitteln vollgepumpt absurden Illusionen hinzugeben. Sterben ist doch völlig normal – vielleicht sogar das normalste überhaupt.“

„Wie meinen Sie das?“

„Na ja, ich meine, was im Leben ist denn schon wirklich sicher? Manche bleiben arm und manche werden reich – manche sind ihr Leben lang allein und unglücklich, und andere haben zig Freunde und sind beliebt – manche trauen sich selbst nichts und manch anderen gelingt scheinbar einfach alles …“ Aber eines ist allen gemeinsam: sie alle müssen sterben. Und bisher sind ja auch noch alle gestorben. Auch Sie werden sterben. Und ich natürlich auch. Wozu also die Aufregung, wenn das Einzige, das im Leben sicher ist, dann auf den Plan tritt? Ich meine, manche sterben bei einem Unfall – zack, bumm, aus, vorbei – keine Zeit zum Nachdenken. Oder die Herzinfarkt-Patienten: von einer Sekunde auf die andere geht das. Gerade noch mitten im Leben, und ein paar Sekunden später war’s das. Völlig unvorbereitet. Oder denken Sie an die Opfer eines Terroranschlags: Von jetzt auf gleich, rausgerissen, ohne Vorwarnung.

Einfach so.

Gemessen daran habe ich es doch eigentlich, also ja, natürlich, ich meine, sieben Wochen, das ist doch schon mal was, da kann man ja … immerhin … das ist doch viel besser als wenn … „

Seine Stimme begann zu stocken.

„ … als wenn, ich meine, bei Menschen, die nicht wissen – ok, eigentlich wussten sie es ja ihr ganzes Leben, nur wissen sie halt nicht, dass ihr ganzes Leben jetzt sofort und hier …“

Er senkte den Kopf. Seine Stimme wurde leiser, seine Worte kamen langsamer. Die Stimme wurde brüchig.

„ … da habe ich es doch viel besser. Ich kann … ich könnte … ich sollte …“

„Bitte…“ Dr. Hansen stand auf und verschränkte die Arme „Bitte überstürzen Sie jetzt nichts. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihnen jetzt viel durch den Kopf geht, aber machen Sie sich auch nicht zu viele Gedanken. Medizinisch betrachtet können wir Sie auf diesem Weg gut begleiten, und falls Sie Fragen haben, bin ich natürlich jederzeit für Sie da.“

Er zog die Augenbrauen hoch.

„Jederzeit?“

„Nun, ich meine…“ sie lächelte verlegen „ …ich oder eine meiner Kolleginnen und Kollegen.“

Es war ihr sichtlich unangenehm, zurückrudern zu müssen.
„Und dann gibt es ja auch noch den Notdienst. Den medizinischen, meine ich, und natürlich auch den psychologischen…“

„Jaja, schon gut“.

Er stand auf und zog seine Jacke über.

„Ich weiß …. ich weiß – Sie tun was Sie können.
Ich danke Ihnen, Dr. Hansen.“

Sie lächelte verlegen.
„Tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten für Sie habe.
Also …“

„Schon gut… Bis denn“
Er drehte sich zur Tür und ging – out of the blue, into the black.