49_Filler 1_Ein Anfang ist ein Ende ist ein Anfang_© Martin Hopfengart. Das Bild zeigt den Satz "Ein Anfang ist ein Ende ist ein Anfang ist ein Ende..." als endlos angeordnete Schrift.

Kapitel 1

13. November

„Und?“

„Was, und?“

„Und was hat die Ärztin gesagt?“

Der Postbote war ebenso neugierig wie gut informiert. Woher wusste der Briefträger denn überhaupt, dass er bei einer Untersuchung gewesen war?

„Woher wissen Sie denn, dass ich bei einer Untersuchung war?“

„Naja, ich war vorhin auch in der Stadt, und da habe ich Ihr Auto gesehen. In der Nähe der Praxis ist ja nur noch ein Game-Center und eine Shisha-Bar. Da Sie aber weder zocken noch rauchen, dachte ich, Sie sind wahrscheinlich in der Praxis.“

„Gut kombiniert.“

„Danke. Das sagt meine Frau auch immer.“

„Na, wenn es Ihre Frau sagt, dann muss es ja stimmen.“

„Sie kennen sich aus mit Frauen, stimmt’s?“ kam es neugierig vom Briefträger zurück. Das ging dem so Angesprochenen jetzt aber etwas weit, und er beschloss, den Briefträger zu prüfen. Daher entgegnete er:

„Wissen Sie, was ich denke? Es gibt vier Arten von Frauen.“

„Ja?“

„Ja,“ fuhr er fort, „die Dummen, die Saudummen, die Schlauen und die Weisen.“

„Oh, wie meinen Sie das?“

„Naja, ganz einfach: Die dumme Frau erkennt man daran, dass sie immer macht, was ihr Mann von ihr will. Die saudumme Frau erkennt man daran, dass sie nie macht, was ihr Mann von ihr will. Die schlaue Frau erkennt man daran, dass sie ab und zu macht, was ihr Mann von ihr will. Und die weise Frau handelt ebenso wie die schlaue Frau: sie macht ab und zu, was ihr Mann will, nur: die weise Frau weiß eben ganz genau, wann ‚ab‘ und wann ‚zu‘ ist.“

Der Briefträger hatte die Hände in die Hüfte gestützt. Mit leicht schräg gestelltem Kopf sah er sein Gegenüber an. Dann erhob er eine Hand langsam an den Kopf, schob seine Mütze zurück, stellte den Kopf noch etwas schräger als er sowieso schon war, kratzte sich langsam an der Stirn und meinte dann:

„Ach!“

„Ach was?“

„Ach was Sie nicht sagen.“

„Ich sage Ihnen das nur, weil Sie mich danach gefragt haben.“

„Ja … ja … ja eigentlich habe ich Sie ja was ganz anderes gefragt.“

„Hmmm …. kann ich mich gar nicht mehr dran erinnern. Was meinen Sie denn?“

„Was hat die Ärztin denn gesagt?“

„Ach so … na ja, nichts Neues.“

„Und das heißt?“

„Wir müssen alle sterben“

Jetzt nahm der Postbote die Mütze ganz ab. Er kratzte sich am Kopf und begann zu kichern „Na, Sie sind mir ja einer! Und deswegen gehen Sie zum Arzt? Das weiß doch jedes Kind!“

„Ja, das stimmt. Aber ich bin halt nur Kassienpatient. Wäre ich privatversichert, hätte die Ärztin mir vielleicht noch mehr erzählt.“

„Ja, das stimmt. Eine Schande ist das, diese Zwei-Klassen-Medizin. Und die einfachen Leute wie ich, die dürfen schuften bis sie umfallen. Ungerecht ist das! Diese Politiker! Zum Glück muss das der alte Bismarck nicht mehr miterleben.“

„Ja, der hat wirklich Glück.“

„Wissen Sie was? Die können mich alle mal! Ich mach´ jetzt einfach Feierabend.“

„Feierabend? Aber sie haben da doch noch mindestens zwanzig Briefe in Ihrer Tasche.“

„Na und? Hab´ ich die vielleicht geschrieben? Oder sind die etwa an mich adressiert? Die Briefe sind doch kein Problem – die bin ich gleich los!“

„Was haben Sie denn damit vor?“

„Die nehme ich alle und werfe sie unten im Dorf in den Briefkasten. Soll sich doch die Post darum kümmern – mir doch egal!“

Der Postbote bestieg sein Fahrrad und fuhr los. Schon nach wenigen Sekunden war er an der Straße angekommen und trat noch wilder in die Pedale, um mit einem Irrsinnstempo den Berg hinunter zu rasen. Kurz darauf war der Briefträger nicht mehr zu sehen.

Er drehte sich um und ging den kleinen Weg Richtung Eingang. Dann zog er den Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Haustüre.

Im Haus angekommen, versuchte er, die neue Situation zu erfassen. Eher aus Gewohnheit denn aus Interesse schaltete er zur Ablenkung das Radio an. Es ertönte….

„…rufen Sie an – hier bei ‚Kultur heute‘. Wir würden gerne Ihre Meinung dazu hören. Diskutieren Sie mit uns und unseren Studiogästen zum heutigen Thema: ‚Religion – Fluch oder Segen?‘ Unsere Rufnummer lautet…“

Er drehte das Radio leiser. ‚Was für ein Geschwätz‘, dachte er. Natürlich ist Religion ein Fluch. Religion kann krankhaft sein – nicht religiös zu sein kann aber auch krankhaft sein. Man muss nicht schon wieder die alte Leier der Inquisition bemühen, um eine gesunde Abneigung gegen die Heilsversprechen der Katholischen Kirche zu entwickeln – oder besser gegen die ganze Kirche, alle Konfessionen. Die Protestanten sind da auch nicht besser: Luther war ein Antisemit, keine Frage – oder doch „nur“ ein Anti-Judaist? Calvin hat sich mit seiner Zustimmung zur Todesstrafe auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, und der ganze Protestantismus hat den Kapitalismus moderner Prägung erst möglich gemacht – vielleicht sogar verursacht. Von den kranken Auswüchsen des aktuellen Islamismus mal ganz zu schweigen: welche Religion kann denn für sich in Anspruch nehmen, das Heil zu bringen – also Menschen zu heilen?

Mit seinen eigenen Gedanken war er vertraut. Aber hin und wieder sollte man aber auch versuchen, die Argumente der Gegenseite zu verstehen – und sei es nur, um diese durch scharfsinnige Argumentation und geschickte Rhetorik ad absurdum zu führen. Also schaltete er das Radio wieder ein.

„… und als Bischof muss ich Ihnen auch sagen, dass die Kirchen, man könnte sogar sagen, alle Kirchen, seit Jahrhunderten soziale Arbeit leisten, ohne die unsere Gesellschaft deutlich ärmer wäre: sehen Sie sich nur die Krankenhäuser an, die Schulen, die Kindergärten … in all diesen Bereichen haben beide großen Kirchen sich doch Verdienste erworben. Oder denken Sie an …“

‚Oh je oh je‘, dachte er. Warum wird diesen Schwätzern denn auch noch ein öffentliches Forum gegeben? Sicher hatten Religionsgemeinschaften immer auch den Menschen geholfen, aber immer hatten sie dafür auch einen Preis verlangt: Denke daran, dass WIR dir geholfen haben – nicht die anderen. Daran kannst du erkennen, dass WIR die richtigen sind, die Einzigen noch dazu. Also: du schuldest uns etwas, und dieses etwas ist Gehorsam. Der Deal lautet: Wir machen die Regeln, und du hältst dich daran. Die Regeln einzuhalten fängt damit an, die Regeln nicht zu hinterfragen. Und natürlich auch nicht zu hinterfragen, warum die Regeln nicht hinterfragt werden sollen.

Überhaupt: Fragen.

Wer fragt, der hat entweder kein Vertrauen, oder er ist mit den bisher gegebenen Antworten noch nicht zufrieden. Ein Unzufriedener also. Wer unzufrieden ist, der will etwas ändern. Änderung bedeutet aber immer: das vorhandene System nicht beizubehalten. Das stellt für die, die das System beherrschen und vom System profitieren, eine Bedrohung dar. Diese Bedrohung muss abgewehrt werden, oder besser noch: Diese Bedrohung darf erst gar nicht entstehen. Also: Keine Fragen.

Es tönte weiter aus dem Radio:

„… möchte nun unser Studiogast auch aus historischer Sicht die Bedeutung der Religionen für die Entwicklung sowohl des Individuums als auch der gesamten Menschheit…“

Ja, Entwicklung.

Religion und Entwicklung – wie bitte soll das denn zusammenpassen?
Wem haben wir denn überhaupt eine Entwicklung zu verdanken?

Wer hat denn etwas für eine Entwicklung getan, die nicht darauf abzielt, dem Machterhalt der etablierten Institutionen Vorschub zu leisten?
Wer hat sich denn beispielsweise für Gleichberechtigung eingesetzt, die Gleichberechtigung der Frau etwa?

Doch nicht die Religionen!

In allen großen Religionen haben Frauen wenig bis gar nichts zu melden. Alte Männer treffen in kleinen Kreisen die Entscheidungen, die dann für alle verbindlich sind. Selbstverständlich auch für die Frauen.

Und was ist mit der Gleichberechtigung von Homosexuellen? Früher ordnete man das als Verbrechen ein, später dann als Krankheit. Mittlerweile ist man dazu übergegangen, dies als natürliche Gegebenheit zu betrachten – allerdings nicht bei den großen Glaubensgemeinschaften. Da gilt Homosexualität immer noch als Sünde. Oder wie steht es um die Gleichberechtigung von Andersdenkenden? Welche Kirche setzt sich denn dafür ein?

Nie hat eine Religion versucht, sich auf einem dieser Gebiete als besonders progressiv hervor zu tun. Der Fortschritt in diesen Bereichen ging immer von Menschen aus, die mit organisierter Religion wenig bis gar nichts zu tun haben wollten. Dafür durften diese Menschen sich dann als Humanisten beschimpfen lassen – heutzutage nennt man so etwas Gutmensch und prämiert diese Haltung mit dem Titel „Unwort des Jahres“.

Es gibt so viele Menschen – und so wenig Menschlichkeit.

 „… und daher braucht der Mensch auch Religion. Es ist ein natürlicher Wesenszug des Menschen: der Mensch will, dass er seinen Platz in der göttlichen Ordnung findet und…“

Ordnung.

Noch so eine Lüge.
Wo ist denn schon irgendetwas geordnet?

Ordnung ist doch nur etwas für die, die das Chaos nicht akzeptieren wollen, dachte er. Wenn Karl Marx mit seiner Gesellschaftsanalyse Recht hatte, war Chaos der Urzustand. Aus dem leitete sich dann alles weitere ab, um schließlich wieder im Chaos zu münden.

Wozu dann also das Gerede von Ordnung?

Ordnung ist auch nur ein temporärer Zustand. Was jetzt scheinbar in Ordnung ist, war vorher ungeordnet – und wird auch irgendwann wieder ungeordnet sein. Warum sich also die Mühe machen und Ordnung schaffen, wo diese Ordnung doch sowieso keinen Bestand haben wird?

Aber die Menschen lieben nun mal die Ordnung – vor allem die Form von Ordnung, von der sie glauben, dass die Menschen sie verstanden haben. Eine Ordnung, die man nicht versteht, kann ja gar keine Ordnung sein. Wer sich damit abfindet, dass er eine mögliche Ordnung nicht verstanden hat und dieses Verständnis auch gar nicht anstrebt, gilt als fauler Sack.

Dabei ist das nicht faul.

Das richtige Wort wäre … Muse.

‚Ja, richtig …. Muse‘, dachte er.

Die Muse ist anscheinend ausgestorben.
Oder verboten.
Oder vielleicht auch beides.

Wer Muse hat, gilt als gelangweilt. Oder noch schlimmer: als langweilig. Dabei kann nur der Langeweile haben, der mit sich und der Welt im Einklang ist: es gibt nichts ach so Wichtiges zu tun, also langweilen wir uns. Was ist daran schlimm?

„…und bedanken uns bei allen, die an dieser Sendung am heutigen 13. November mitgewirkt haben. Es folgen nun die Nachrichten.“

  1. November.

Dann ist heute der Geburtstag von Robert Louis Stevenson, dachte er sich. Dieser schottische Schriftsteller wurde wegen einer Tuberkulose-Erkrankung nur 44 Jahre alt, aber was hatte der alles geschrieben:

‚Die Schatzinsel‘, ja – klar…

‚Entführt‘ natürlich…

Und vor allem:

‚Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde‘.

Konnte man sich so eine Geschichte wirklich nur ausgedacht haben? Oder muss man dazu jemanden kennen, der so tickt? Vielleicht sogar sich selbst?

Stevenson meinte wohl, die Idee zu dieser Geschichte über Persönlichkeitsspaltung sei ihm nach einem Albtraum gekommen. Angeblich hatte Stevenson aufgrund seiner Krankheit auch Opium konsumiert.

Das ist also die Kombination: Krankheit plus Angst plus Drogen schaffen demnach Geschichten, die die Nachwelt noch lange erstaunen lassen …

 

Hmmm, so betrachtet müsste aber in einem Großteil der westlichen Welt noch enormes schriftstellerisches Potential brach liegen.

An kranken, ängstlichen und trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb Drogen konsumierenden Menschen war ja kein Mangel.

Vielleicht macht die Definition den Unterschied:

Was ist denn eine Krankheit?

Ist Krankheit nur die Abwesenheit von Gesundheit? Dann wäre es wie bei Dunkelheit, die ja nichts anderes ist als die Abwesenheit von Licht. Oder wie bei Kälte, die nichts anderes ist als die Abwesenheit von Wärme.

Und wie definiert man Angst? Nicht im pathologischen Sinne – dafür gab es genügend Erklärungen. Sprachwissenschaftlich betrachtet geht Angst auf das indogermanische Verb anĝh zurück und bedeutet ‚einengen‘ oder auch ‚zusammendrücken‘.

‚Das kenne ich‘, dachte er bei sich. Angst spürt man im Hals – wenn es da eng wird oder sich etwas zusammendrückt, empfindet man das als lebensgefährlich. Das ist auch logisch:

Alles Lebensnotwendige muss durch den Hals: der Sauerstoff zum Atmen, das Wasser zum Trinken und die Nahrung als Energielieferant. Ohne Sauerstoff ist schon nach wenigen Minuten das Leben um, ohne Wasser geht es einige Tage und ohne Nahrung auch schon mal ein paar Wochen…

 

Was war dann noch bei Stevenson?

Drogen.
Auch so eine Definitionsfrage. Bekanntlich ist des einen Menschen Gift des anderen Menschen Medizin. Im letzten Jahr gab es in Deutschland rund tausend Drogentote – Drogen meint hier „illegale“ Substanzen – also solche, an denen der Staat per Steuereinnahmen nicht partizipiert. An Alkoholkonsum und dessen Folgen starben im selben Zeitraum zirka 70.000 Menschen, und ihren Tabakkonsum bezahlten ca. 110.000 Deutsche innerhalb eines Jahres mit dem Leben. Dennoch sind und bleiben Alkohol und Tabak legal – sie gelten als Genussmittel und nicht als Drogen.

Wenn also Krankheit, Angst und Drogen als Basis für ein außergewöhnliches Buch taugen, sollte er dann auch ein Buch schreiben?

Egal.

Egal?

Die Idee gefiel ihm. Die restliche Zeit seines Lebens zu dokumentieren, das Erlebte authentisch zu konservieren, auch wenn es subjektiv war. Wer könnte schon seine Gefühle teilen, wer wäre imstande, seine Erfahrungen unkommentiert zu übernehmen und als wahrhaftig bezeichnen?

Niemand.

Also musste er es selbst tun.