Kapitel 13

25. November

Es war schon weit nach Mitternacht, und die beiden waren immer noch ins Gespräch vertieft. Die Diagnose von Dr. Hansen ließ er Effm gegenüber unerwähnt. Nicht etwa, weil er Geheimnisse vor dem Freund verbergen wollte, sondern einfach, weil er die restliche noch verbleibende Zeit nicht mit Trübsal blasen und bemitleidet werden verbringen wollte.

Effm pflegte ebenso die Leidenschaft, kalendarische Ereignisse stets parat zu haben. Daher kam auch auf die Frage: „Weißt du, wessen Todestag heute ist?“ postwendend zurück. „Na klar: Nick Drake!“.

„Nick Drake war eine tragische Figur. Seine Musik hatte wegen der Skordatur der Gitarre und der äußerst einprägsamen Stimme ein ganz persönliches, sehr eigenes Flair. Die drei zu Lebzeiten veröffentlichten Alben wurden von der Kritik hoch gelobt, blieben aus kommerzieller Sicht aber totale Flops. Ob das eine Genugtuung ist, wenn im Rolling Stone dann Jahrzehnte später alle drei Platten in der Liste der `500 besten Alben aller Zeiten` genannt werden?“

„Ja, und nicht nur dort, sondern auch in dem Guide `1001 Albums you must hear before you die` sind alle drei Nick Drake-Alben vertreten“ ergänzte Effm, „schade, dass er schon mit 26 Jahren verstorben ist. Er war selbst für den Club 27 zu früh mit seinem Leben durch.“

„In der Tat sehr schade… aber daran siehst du mal, wie wichtig mein Beruf ist.“

„Wie meinst du das?“ fragte Effm nach.

„Naja, ich meine, wenn Chris Blackwell und Joe Boyd die Songs nicht aufgenommen hätten, dann hätten wir doch praktisch nie etwas von Nick Drake gehört. Musik aufnehmen heißt eben auch, zum Archiv des kollektiven kulturellen Gedächtnisses beizutragen. Aber ohne meine Tätigkeit jetzt überbewerten zu wollen: Weißt du, was echt komisch ist? Als ich Nicks Songs im Erwachsenenalter das erste Mal bewusst hörte, war ich der Meinung, diese Stimme schon seit meiner Kindheit zu kennen. Ich habe dann meine große Schwester gefragt, die ja – quasi ohne es zu wissen – für meine musikalische Früherziehung zuständig war.“

„Inwiefern?“

„Ich meine, sie hatte ein paar Schallplatten damals. Nachdem mein Vater schon früh gestorben war und meine Mutter daher in ihrer Doppelfunktion als Hausfrau und Ernährerin der gesamten Familie nur wenig Zeit für uns Kinder hatte, musste meine große Schwester sich damals um ihren kleinen Bruder kümmern. Das war natürlich auch nicht das, was man sich als Teenager wünscht, und sie hat lange mit dieser Rolle gehadert, die ihr das Leben mal eben so aufgedrängt hatte.

Aber: ihr Pech – mein Glück. Meine Schwester und ihre Schulfreundin verbrachten ihre Nachmittage damit, sich um den kleinen Hosenscheißer-Bruder zu kümmern und sich dabei gegenseitig ihre Lieblingsplatten vorzuspielen. Ob Nick Drake dabei war, weiß ich nicht und glaube es auch nicht, aber als ich seine Musik viele Jahre später hörte, war ich mir absolut sicher, diese Stimme aus meiner Kindheit zu kennen. Vielleicht war es aber auch nur irgendeine Täuschung, du weißt schon – Thema `False Memory`, du weißt schon…“

„Ja, ich weiß“

Das war das Beeindruckende an Effm: Er kannte solche Begriffe.

Und wenn er einen Fachterminus mal nicht kannte, beschäftigte er sich mit der Thematik und wusste dann auch, die neu erworbenen Fakten in sein bereits bestehendes umfangreiches Allgemeinwissen zu integrieren. Und weil er ein Mensch mit ausgeprägtem Hang zur Präzision ist, interessierte er sich für diese kleine persönliche Fußnote, die vorher nur in einem Nebensatz angedeutet wurde:

„Was waren denn das für Schallplatten, die dir deine Schwester schon in frühester Kindheit vorgespielt hatte?“

„Da waren so Sachen dabei wie `Oh Well` von Fleetwood Mac – als Single, mit part I und part II auf zwei Seiten, weil der ganze Song zu lange war für die 45er Vinylscheiben. Man erklärte mir, das wäre sogenannte `Blues`-Musik, und dass der richtige Blues eigentlich nur von Schwarzen gespielt werden kann, weil die Weißen nie auf den Baumwollfeldern gearbeitet hatten. Ich habe mir dann das Cover von `Oh Well` lange angesehen – die waren aber alle weiß und aus England. Trotzdem fand ich die Musik cool, und vor allem der Gitarrist Peter Green hat mich schwer beeindruckt. Ich habe erst später die Musik ihrer Vorbilder kennengelernt: Robert Johnson, Elmore James, Sonny Boy Williamson… die waren alle schwarz – und obendrein schon tot.

Und „Sittin‘ on the dock of the bay“ von Otis Redding war auch bei diesen Schallplatten dabei. Der war auch schwarz … und tot. Wusstest du, dass Otis Redding auch schon mit 26 Jahren gestorben ist?“

„Ja.“

Blöde Frage. Natürlich wusste Effm so etwas.

„Aber wusstest du, welche Platte meiner Schwester ich damals am besten fand? Das war eine Single, auf dessen Hülle ein nicht richtig Schwarzer abgebildet war, der hatte die Arme so nach links und rechts ausgebreitet wie Jesus am Kreuz, aber er sah irgendwie viel wilder dabei aus. Das war auf dem Cover. Als meine Schwester dann die Platte auflegte und den Plattenspieler auf maximale Lautstärke drehte, war es um mich geschehen: Der infernalische Sound der Gitarre, die entrückte Stimme, und dazu eine Band, die spielte, als gebe es kein Morgen – ich war komplett weggeblasen.“

Der Freund am anderen Ende des Telefons fing an zu lachen. „Na, und was war das für ein Song?“ fragte eher – wahrscheinlich eher aus Höflichkeit, denn bestimmt hatte Effm schon eine Idee, um was es da möglicherweise ging.

„Du musst wissen, dass ich als Kind nicht im Kindergarten war“, kam es als Antwort. „Dieses Detail ist wichtig, um zu verstehen, weshalb ich möglicherweise bin wie ich.“ Statt im Kindergarten zu sein und mit den anderen Kindern `Alle meine Entchen` oder `Fuchs du hast die Gans gestohlen` zu singen, war ich zu Hause mit meiner pubertierenden Schwester und deren ebenfalls pubertierender Freundin. So konnte ich ungestört die coolen Blues- und Rockplatten hören.

Als ich dann in die Schule kam, sollten wir im Musikunterricht unser Lieblingslied singen. Ganz traditionell, also aufstehen, neben den Stuhl stellen und dann mit hochrotem Kopf vor der versammelten Klasse ganz allein singen. Die meisten Knaben waren dafür viel zu schüchtern und stammelten irgendwas von `Hänschen klein` oder summten fast unhörbar `Häschen in der Grube`. Die Mädels waren da schon selbstbewusster und intonierten `Schneeflöckchen, Weißröckchen` oder `Der Mond ist aufgegangen`.

Dann kam ich an die Reihe. Ich konnte keines dieser Lieder singen, weil ich nicht im Kindergarten gewesen war und daher keinen der Texte kannte und die Melodien auch noch langweilig und fade fand. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und sang das, was ich eben kannte und – wie ich befand – auch konnte. Ich erinnere mich noch genau an den Blick meiner Erste-Klasse-Lehrerin. Sie war noch unverheiratet, weshalb wir sie nicht mit `Frau`, sondern mit `Fräulein` anreden mussten. Und so eine war sie auch – ein Fräulein. „Also, nun bist du dran…“ sagte sie mit gespielter Sanftmut in der Stimme, „welches Lied singst du uns denn?“.

„Ich singe ein Lied von meiner Schwester.“

„Oooh, das ist aber schön. Da sind wir alle schon ganz gespannt.“

Und so fing ich an zu singen:

„Sär masst bi somm kaind of wäi aut of hia,

sätt dä Dschouker to sä sif“

Die Stirne der Lehrerin ging ins Runzlige über. Da ich nicht wusste, was das bedeuten soll, sang ich also einfach weiter – so, wie ich es auf der Schallplatte des Mannes mit den ausgestreckten Armen gehört hatte.

„Därs du matsch konfiuschn, ai kännt get no relif“

Die ersten Mitschüler fingen an zu kichern. Das Gesicht des Fräuleins nahm nun einen Ausdruck an, von dem ich später erfuhr, dass man dies als `Entsetzen` bezeichnete. Ich hingegen machte unbeirrt weiter.

„Bisnesmän, säi drink mai wain, plaumän dig mai örs

No-won will level on sä lain, noubadi offäd his wörd…”

“Stop!” rief das Fräulein Lehrerin. Ich jedoch sang einfach weiter:

„Nou risn tu get iksaitäd, sä sif hi kaindli spoug…“

„Du sollst sofort damit aufhören“, brüllte sie und als sie von ihrem Stuhl hochsprang, fing die ganze Klasse an, lauthals zu lachen. Ich aber blieb beharrlich bei meinem Gesang – oder bei dem, was ich für Gesang hielt. Schließlich hatte ich das Lied schon Jahre lang geübt. Also fuhr ich fort:

„Sär ar männi hir ämong as, hu fil sät lif is bat ä dschouk.

Bat ju änd ai, wif bin sru sät, änd sis is nat aur fäit.

So lät as nat tok folsli nau, si aur is gätting läit, hey!…“

Nun wurde es richtig laut: Gelächter füllte den Raum. Für einen Moment meinte er, die Mitschüler aus der ersten Klasse wieder zu hören, bis es ihm auffiel: Das lauthalse Lachen kam aus dem Telefonhörer. „Du….ha ha ha … du hast in der ersten Klasse `All along the watchtower` von Jimi Hendrix zum besten gegeben?“ Effm kriegte sich kaum noch ein. „Ich lach‘ mich kaputt! Da wäre ich auch gerne dabei gewesen…“

„Ja, heute kann ich darüber auch lachen. Damals habe ich das überhaupt nicht verstanden. Die anderen sangen alle dieselben Kinderlieder mehr schlecht als recht und wurden dafür auch noch gelobt. Ich hatte eine Nummer drauf, die viel abgefahrener war als alles andere, und dann auch noch auf Englisch – also na ja, so `ne Art Englisch muss man eigentlich sagen. Und was war mein Lohn?“

„Na, was denn?“ fragte Effm nach.

„Die Lehrerin wollte mit meiner Mutter sprechen.“

„Und? Hat sie?“

„Nein.“

„Warum? Hatte sie doch noch Einsicht in die Einmaligkeit deines musikalischen Vortrages?“

„Weiß nicht. Ich glaube, es scheiterte einfach daran, dass wir damals zu Hause noch kein Telefon hatten…. ach, jetzt sind wir wieder mal völlig vom Kurs abgekommen. Deine Frage danach, wessen Todestag sich heute jährt, ist mit `Nick Drake` ja nur zum Teil beantwortet. Weißt du, wer uns noch am 25. November verlassen hat?“

„Hmmm…. Moment… gib mir mal einen Tipp.“     

„Schriftsteller“

„Da gibt es viele“

„Brite. Aus Manchester, um genau zu sein.“

„Oh, ich glaube, ich weiß, wen du meinst“

„Also, dann sprich“

„Ein Mann, der mehr als 6 Sprachen beherrscht hat?“

„Ja, das stimmt.“

„Sein bekanntestes Werk ist Clockwork Orange, richtig?“

„So ist es“

„Ja, genau. Anthony Burgess!“ Auf Effm war eben Verlass. „Den dürfen wir nicht vergessen. Schade, dass er rückblickend immer nur mit diesem einen Buch in Verbindung gebracht wird. Wenn er Musiker gewesen wäre, würde man von einem one-hit-wonder sprechen.“

„Oh, Burgess wollte eigentlich Musiker werden. Er hat auch Zeit seines Lebens komponiert; das meiste davon ist unveröffentlicht, soweit mir bekannt, aber…“

„Aber weißt du, was bei Burgess wirklich interessant ist?“

„Ja. Ich habe mal gehört, konnte er schon lesen, als er in die Schule kam. Er wunderte sich dann darüber, dass seine Mitschüler diese ihm so einfache Sache immer noch nicht beherrschten und erst noch lernen sollten.“

„Na, dann weißt du ja jetzt, wie es deinen Klassenkameraden nach deiner Hendrix-Nummer ergangen sein muss…“

Sie schmunzelten beide vor sich hin, und er genoss diesen Moment spitzbübischer Freude.

„Also das war es nicht, was du bei Burgess gemeint hast?“

„Na ja, das ist schon auch interessant“, pflichtete Effm ihm bei, „aber ich meine dieses verrückte Kapitel in seinem Leben, noch bevor er Clockwork Orange verfasste und damit zu einem wohlhabenden Mann wurde. Wusstest du, dass bei Burgess ein unheilbarer Gehirntumor diagnostiziert wurde, als er noch nicht mal 50 war? Die Ärzte gaben ihm nur noch wenige Monate zu leben.“

Effm machte eine kurze Pause – vielleicht um zu prüfen, ob der Freund am anderen Ende der Telefonleitung die Geschichte schon kennt. Der stellte sich aber unwissend und mimte den Ahnungslosen.

„Und dann?“ fragte er mit oberflächlich zur Schau gestelltem Desinteresse.

„Und dann beschloss Burgess, die ihm noch verbleibende restliche Zeit mit Schreiben zu verbringen, um seiner Familie und der Nachwelt noch etwas Persönliches zu hinterlassen.“

„Aha …  hmm, gute Idee, oder?“ Er spielte den scheinbar Unbeteiligten.

„Ja, auf jeden Fall. Burgess lebte noch über 30 Jahre und schrieb in dieser Zeit mehr als 50 Bücher … Ich habe mich auch schon gefragt, was ich wohl machen würde, wenn mir ein Arzt eine solche Diagnose stellen würde. Vielleicht würde ich wahnsinnig werden, vielleicht würde mich das aber auch auf eine sonderbare Weise beruhigen. Was würdest du denn in einer solchen Situation tun?“

„Ich fühle mich in dieser Hinsicht Anthony Burgess gegenüber verpflichtet. Ich würde daher auf jeden Fall auch ein Buch schreiben.“

„Gute Einstellung“, bestätigte Effm. „Trotzdem wird es langsam mal Zeit fürs Bett. Also, bis dann irgendwann.“

„Ja, bis dann irgendwann.“

Nachdem Effm aufgelegt hatte, musste er schmunzeln. So nahe war bisher noch keiner seinem kleinen Geheimnis gekommen. Aber jetzt hatte er es amtlich: Wenn morgen die Welt unterginge – seine Welt – dann wollte er nicht wie Luther heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen, sondern stattdessen lieber schreiben.