Kapitel 14

26. November

Lieber schreiben?
Immer schön der Reihe nach.
Das lange Telefongespräch am Abend vorher hatte zur Folge, dass er erst recht spät aufwachte. Was gab es zu wissen über den Tag, der genau zwei Wochen nach seinem Besuch bei Dr. Hansen so langsam und allmählich seinen Lauf nahm und – was könnte er darüber schreiben? Er fand Gefallen daran, seine eigenen Tagebuch-ähnlichen Aufzeichnungen mit Jahrestagen berühmter Persönlichkeiten in Verbindung zu bringen. Warum war er nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen? Er und die ganzen Koryphäen aus Kunst und Geisteswissenschaft im Dialog – mit ihm und seiner Gedankenwelt, auf Augenhöhe sozusagen, egal ob noch am Leben oder bereits verstorben. Jederzeit abrufbereit – alle. Obwohl … ’na ja, ein bisschen größenwahnsinnig kann man mich dafür nennen, aber was soll’s? Wer an der Quelle sitzt und Durst leidet, ist selbst schuld…‘ dachte er. Hier und jetzt böte sich die Gelegenheit, einem der ganz Großen seiner Kindheit ein Denkmal zu setzen, und so fing er seine Niederschrift an mit:

`Heute ist der Geburtstag von Charles M. Schulz, dem amerikanischen Comic-Zeichner. Ihm verdanken wir die Peanuts, und von denen habe ich in der Fernseh-Comic-Phase meiner Kindheit mehr gelernt als von allen anderen.

Charlie Brown und seine Freunde lebten in einer wunderbaren Welt: Man sah praktisch nie Erwachsene, und wenn sie überhaupt eine Rolle im Leben der Kinder spielten, dann waren sie nur zu hören. Dass die Erwachsenen dabei eine den Kindern unverständliche Sprache gebrauchten, wurde dadurch symbolisiert, dass von den `Großen` keine Worte benutzt wurden, sondern immer nur merkwürdige Töne einer Posaune vernehmbar waren. So hat man auch nie erfahren, ob die Lehrerin schon eine Frau oder noch ein Fräulein war.

‚Charles M. Schulz warf immer Fragen auf, ohne jedoch selbst eine eindeutige Antwort zu geben – genauso so wie ich das auch tue…`   na, Moment, den letzten Halbsatz nehme ich lieber wieder raus… so:

`… ohne jedoch selbst eine eindeutige Antwort zu geben. Das also ist die Meta-Ebene der Peanuts, sozusagen des Beagles Kern: ein Philosoph muss nicht die irgendwelche Antworten geben – er muss die richtigen Fragen stellen.

Schulz` Charaktere erschienen mir viel plausibler und ihre Lebenssituation wesentlich nahe liegender als die Figuren von Walt Disney: mit einem Klugscheißer wie Micky Maus wollte doch keiner was zu tun haben, und seine Freundin Minnie war die Ausgeburt eines Frauenbildes, dass von Feminismus offensichtlich noch nie etwas gehört hatte. Dagobert Duck als Prototyp des unsympathischen Kapitalisten war noch realer als die Realität, und die naseweisen Tick, Trick und Track erinnerten auf das Unangenehmste an die Streber in meiner eigenen Schulklasse. Einzig Donald Duck war mir in mancherlei Hinsicht sympathisch, auch wenn ich dessen Unterwürfigkeit dem eigenen Schicksal gegenüber nicht teilen will. Disneys Produktionen waren technisch immer auf der Höhe der Zeit, manchmal sogar ihrer Zeit voraus. Der erste Stereo-Tonfilm Fantasia kam beispielsweise aus den Disney-Studios in Burbank, und die „Zwölf Grundlagen des Zeichentrickfilms“ wurden von den „Nine old men“ genannten Disney-Animatoren proklamiert. Die Person Walt Disneys war allerdings ein sehr fragwürdiges Subjekt: er war erklärter Anti-Kommunist, wodurch er sich in der McCarthy-Ära besondere „Verdienste“ erwarb, indem er seine eigenen Mitarbeiter denunzierte. In seinen letzten Lebensjahren unterstützte er die Kandidatur des unsäglichen Ronald Reagan zum Gouverneur Kaliforniens. So einen kann man doch nicht gut finden.`

Also, Fronten geklärt: Schulz Top, Disney Flop. Mit dieser Feststellung gab sein tägliches Schreiben wieder etwas mehr über seine Vorlieben in der Kindheit Preis.

Als er seine Schuhe anzog, um das schöne Wetter zu einem Spaziergang zu nutzen, kam ihm ein kühner Gedanke: vielleicht hatte er mit seiner Brachialkritik Walt Disney Unrecht getan?  Möglicherweise hatte es einen wie Disney gebraucht, der die Massen an das Medium Comic bzw. Trickfilm heranführt, damit dann anschließend ein viel brillanterer Könner seines Faches wie Schulz die gebührende Aufmerksamkeit des Publikums erlangt?

Er zog die Tür hinter sich zu. Mit den ersten Schritten, die er vom Haus weg machte, setzte sich auch sein Denkapparat weiter in Bewegung. Ja, das kann durchaus sein…

Der Prototyp dieser Zweierbeziehung in Sachen gegenseitiger Abhängigkeit war das Couple Johannes der Täufer / Jesus Christus: Einerseits hier der local hero Johannes, der wahrscheinlich weltgeschichtlich nicht weiter in Erscheinung getreten wäre, wenn er nicht den Zimmermann aus Galiläa persönlich mit Wasser überschüttet hätte. Andererseits dort Jesus, der brillante Rhetoriker und niemand geringeres als der Messias – zumindest wenn man den Christen Glauben schenken wollte; die Juden und die Moslems hatten da ja eine etwas abweichende Lehrmeinung – aber, egal … ja natürlich, so etwas musste es sein: Johannes der Täufer  als eine Art Vorgruppe, der man eher gelangweilt zuhört, weil man ja eigentlich wegen des Haupt-Acts Jesus hier ist…

Seine Laufgeschwindigkeit erhöhte sich wie von selbst. Es schien, als wollten seine Füße mit dem sich beschleunigenden Denkvorgang unbedingt Schritt halten, und so sinnierte er weiter:

Diese Art von verkündendem Herold und nachfolgendem Hero konnte man in vielen Lebensbereichen gut beobachten. In der Musik trat dieser Effekt besonders offensichtlich auf: Das Bass-Solo bei 10CCs `Feel the benefit` auf dem Album `Live and let live` ist wie Johannes der Täufer: für sich selbst betrachtet ganz ordentlich, aber nicht überragend. Erst die Funktion macht seine Bedeutung klar: Graham Gouldman hat die Rolle des „Johannes“ übernommen, und was ihm nachfolgt, ist wohl eines der besten Gitarren-Soli der gesamten Rockmusikgeschichte: Eric Stewarts Gitarre setzt langsam und sparsam ein, aber mit einem untrüglichen Gespür für die Einzigartigkeit des Moments. Zunächst wird er noch begleitet von Rick Fenn an der zweiten Gitarre, aber dann schraubt Stewart allein die Melodie allmählich nach oben, erhöht die Spielgeschwindigkeit und zieht die ganze Band mit sich in jauchzende Höhen. Nachdem der Schlussakkord verklungen ist, verkündet Eric Stewart: „Wow, that’s fantastic. I think the roof just came off. I could see the stars!“
Und das alles, nachdem das zweite Kreativ-Duo Godley & Creme 10CC mittlerweile verlassen hatte – sie hatten ihre „Consequences“ gezogen, arbeiteten bereits an „This sporting life“ und entwarfen „A little piece of heaven“.

Popmusik als Erlösungsphantasie? Warum nicht.
Vielleicht war die Parallele gewagt, aber möglicherweise entsprach die Entwicklung von den Beatles hin zu 10CC der Entwicklung von Johannes hin zu Jesus: erstere zu ihrer Zeit bedeutend, gemessen am Nachfolgenden aber dann doch nur durchschnittlich.

Seine Schritte verlangsamten sich allmählich. `Das schreib ich aber lieber nicht auf`, dachte er sich `da werden mir einige Fundis sonst ganz übel einen Strick daraus drehen.`

Er bog die Straße Richtung Kinderspielplatz ab. Noch bevor er seine soeben gemachten Überlegungen auf musikalische oder religiöse Blasphemien hin hatte überprüfen können, erblickte er die Litfaßsäule. Das Kilroy-Motiv samt darunter gekritzelter Gegendarstellung, das noch vor ein paar Nächten hier prangerte, war verschwunden. Stattdessen war die ganze Litfaßsäule nun akkurat beklebt mit ungefähr 20 Plakaten, alle sauber und ordentlich neben- und übereinander angebracht, korrekt in Reih und Glied tapeziert und anständig verleimt. Auf jedes der Plakate waren dieselben drei Worte gedruckt: