Kapitel 16

28. November

Der Filmvorführer hatte – beabsichtigt oder nicht, wer weiß das schon – beim Wiedereinschalten des Filmes um eine Szene vorwärts geskippt, und so sah man als erste Szene eine englischsprachige Tageszeitung mit dem Aufdruck „November 28“.

‚Ab und zu ist es doch ganz interessant, in einer anderen Sprache zu lesen‘,
dachte er sich,

und als Untertitel war auf der Leinwand zu sehen
`Ab und zu ist es doch ganz interessant, in einer anderen Sprache zu lesen`

‚Es schärft die Aufmerksamkeit, es erhöht die Konzentration und vermeidet dadurch Fehler, die einem beim routinemäßigen Überfliegen eines Textes in der eigenen Muttersprache ganz schnell mal unterlaufen…‘

Moment: `Muttersprache` – was für ein seltsames Wort. Warum heißt das nicht Vatersprache oder Elternsprache oder sonst irgendwie. Vielleicht Muttersprache, weil man die Sprache ja von seiner Mutter lernt? Das kann es nicht sein, denn bei bilingualer Erziehung lernen Kinder ja zwei Sprachen gleichzeitig: die des Vaters und die der Mutter.

Es gibt Wortkombinationen mit `Mutter` als Stammwort, die alle ziemlich ekelerregend sind:  Muttermal – iiih, Mutterkorn – igitt, Mutterkomplex – bäääh, Muttergottes – würg…

Trotzdem ist Mutter auch ein schönes Wort, so wie andere Wörter auch, die `Mutter` beinhalten: Mutterleib – hmmm, Mutterinstinkt – wie schön, Mutterglück – jaaa, … Mutterliebe – nanu?

Mutterliebe? Worin unterscheidet Mutterliebe sich von der Vaterliebe? Für den an Erich Fromm geschulten Hobby-Soziologen war der Fall klar: Mutterliebe ist unbedingt. Eine wirkliche Mutter liebt ihr Kind immer – egal ob das Kind aus einer ungewollten Schwangerschaft stammt, eine Behinderung hat oder vom Vater nicht angenommen wird: Mutterliebe ist an keine Bedingung gebunden.

Die Vaterliebe hingegen ist oft leider nicht unbedingt, sondern wird an Bedingungen geknüpft: Wenn das Kind bestimmte Bedingungen erfüllt – erfolgreich sein, stark sein, schlau sein – wird es vom Vater geliebt, aber  diese Form der Liebe ist eben eine bedingte Liebe, also etwas, was dem eigentlichen Wesen der Liebe überhaupt nicht entspricht. Besser wäre es, von Anerkennung, von Stolz oder von Ehre zu sprechen, aber all diese Begriffe haben mit Liebe erst mal gar nichts zu tun. Im Gegenteil – Anerkennung, Stolz und Ehre sind Begriffe, die es bei typisch männlich orientierten Ereignissen zuhauf gibt: Im Sport, auf der Jagd und auch im Krieg. Und da gibt es dann auch das `Vaterland`.

Muttersprache, Vaterland… oder sollte man es besser so schreiben:
Mutter – Sprache
Vater – Land?

Mutter – Sprache, das ist: reden und hören, verständigen und verstehen, senden und empfangen… es sind also immer mindestens zwei, die es zum Gelingen benötigt. Eine Dualität, wie sie in der Natur überall vorkommt: Mann und Frau, Tag und Nacht, das eine bedingt das andere, und einzeln betrachtet macht keines von beiden irgendeinen Sinn…

Vater – Land: was ist das? Was soll das sein? Ein Land definiert sich immer durch seine Grenzen, und Grenzen wollen immer verteidigt sein. Grenzüberschreitung bedeutet somit meistens: Krieg. Und Kriege entstehen daher praktisch nie innerhalb des Landes, sondern fast immer an den Grenzen. „Das ist meins“, sagt der eine, “Nein – meins“ sagt der andere, und wer schon einmal kleinen Kinder beim Spielen im Sandkasten zugesehen hat, weiß, worauf das hinausläuft. Da greift man als Elternteil gerne ein, appelliert an die Vernunft (…“ihr könnt es doch beide haben. Wie wäre es denn mit Teilen? …“), aber – nichts zu wollen: selbst wenn es dem Schlichter gelingen sollte, den Konflikt noch zu entschärfen, bevor die Auseinandersetzung gewaltvolle Formen annehmen würde und es zu feindseligen und handgreiflichen Handlungen kommen könnte, so bleibt dann doch meist bei mindestens einem der streitenden Parteien – oft sogar bei beiden – das drängende Befinden übrig, dass „ich“ eigentlich im Recht bin und durch den Kompromiss „mein“ eigentlich gegebenes Vorrecht unter Wert verkaufe. Damit ist der nächste Konflikt bereits vorprogrammiert, und ob dann wieder ein Schlichter zur Verfügung sein wird, steht noch aus. Was übrig bleibt, ist bei beiden Konfliktparteien das beklemmende Gefühl, dass ein Kompromiss gar keine gute Lösung sei, sondern vielleicht etwas ganz anderes: Ein Kompromiss – das sind zwei Niederlagen auf ein Mal.

„Die Zeitung kostet einsfuffzich, falls Sie die vielleicht mal kaufen wollen.“

„Wie bitte? … ach so, ja, Moment noch. Ich will erst noch nachschauen, ob auch gute Nachrichten drin sind.“ Der korpulente und etwas ungepflegt wirkende Mann hinter der Verkaufstheke warf ihm einen ungeduldigen Blick zu. „Na, ich meine ja nur. Stellen Sie sich vor: wir haben auch Kunden, die uns Geld geben, die Zeitung mitnehmen und dann zu Hause lesen.“

„Oh, ich verstehe… Aber ist das nicht furchtbar altmodisch?“ Der Verkäufer stutzte:

„Altmodisch? Nennen Sie es wie Sie wollen, aber meine Familie lebt davon schon seit vier Generationen. Und ich habe nicht vor, der erste in meiner Familie zu sein, der verhungert, nur weil die Leute hier im Laden stundenlang rumhängen, alles Mögliche lesen und dann ohne etwas zu kaufen wieder gehen, verstehen Sie?“

„Ja sicher verstehe ich Sie, und ich kann auch ihre Besorgnis verstehen. Aber ich kann Ihnen auch versichern, dass ich keiner dieser Schnorrer bin. Ich bin nur jemand, dem es wirklich in der Seele wehtut, wenn er daran denkt, dass zur Herstellung dieser ganzen Druckerzeugnisse tonnenweise Papier benötigt wird, weshalb dann weltweit Jahre- oder sogar Jahrzehnte-alte Bäume nur dafür gefällt werden, um daraus eine Tageszeitung herzustellen, die am nächsten Tag schon wieder veraltet sein wird und die dann kein Mensch mehr lesen will. Wenn die Tageszeitung von gestern Glück hat, wird sie heute noch dafür verwendet, ein Fenster zu putzen oder einen soeben auf dem Markt gekauften Fisch darin einzuwickeln. Aber spätestens morgen wird auch diese Zeitung dann im Altpapier landen, weil ja der ganze Dreck vom Fensterputzen dranhängt oder weil der ganze Glibber vom Fisch die Zeitung total verschmiert.“ Der Verkäufer schaute ihn mit großen Augen an. Nach einer kurzen Gedankenpause, die vielleicht auch eine Ewigkeit lang war, brummelte es aus ihm hervor:

„Einsfuffzich. Und keinen Cent weniger.“

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag: ich gebe Ihnen die Zeitung zurück, und dazu das Geld, so wie sie es verlangen. Meine einzige Bitte ist nur, dass Sie mir dann das `Kalenderblatt` auf Seite 2 vorlesen. Da stehen immer so historische Ereignisse drin, wissen Sie?“

„Nein, weiß ich nicht. Aber von mir aus…“ Der Mann streckte die Hand aus und erhielt wie versprochen die Zeitung zurück. „Uuuund?“ Er streckte auch die andere Hand aus. Das Geld wurde ihm passend gegeben. Er steckte das Geld ein und blätterte die Titelseite um. Sein Zeigefinger tastete die linke Hälfte der nun aufgeschlagenen Zeitung ab, und mit offenem Mund, leicht heraushängender Zunge und Runzeln auf der Stirn schweifte er über das Papier. „Hier“, sagte er, „ich glaub ich habe es: Nouwembä twennti äitst … börsdäi Williäm Blacke“.

„Es spricht sich Bläik“ kam es postwendend zurück.

„Was Sie alles wissen…“ Der Zeitungsverkäufer schlug nun einen leiseren Ton an. „Wer ist das denn?“

„William Blake war ein englischer Dichter und Maler, dessen Werk von seinen Zeitgenossen praktisch komplett abgelehnt wurde. Er war mit seinem Eintreten für die Gleichheit zwischen den Geschlechtern und Rassen seiner Zeit weit voraus. Durch seine spirituelle Weltsicht bedingt verstand er sich als Vermittler zwischen den Menschen und dem Göttlichen, denn der Künstler ist ja ebenso wie Gott ein Schaffender, also ein Kreativer. Wirkliche Anerkennung erfuhr Blake erst Jahrhunderte später.“

„Ah, soso. Den kannte ich noch gar nicht… Naja, wie dem auch sei. Das Geld haben Sie mir gegeben – hier ist also Ihre Zeitung.“

„Danke, aber ich glaube, Sie haben mich missverstanden. Ich gab Ihnen das Geld für das Vorlesen des Kalenderblattes. Die Zeitung selbst können Sie behalten und an einen anderen Kunden verkaufen. Dann haben wir nur einmal Papier verbraucht, aber zwei Leser ausreichend informiert. Und Sie haben zweimal abkassiert, und am Ende des Tages können Sie noch ein Exemplar mehr verkaufen, weil ich ja diese Zeitung hier gar nicht mitnehmen werde.“

„Ja…ja…ja, das stimmt!“ Die Gesichtszüge des Verkäufers begannen zu leuchten. „Großartige Idee!“

„Falls niemand kommt und die zusätzlich vorhandene Zeitung kaufen möchte, müssen Sie diese dann halt ins Altpapier werfen.“

„Oooch, das wäre aber schade, oder?“ Das Lächeln auf dem Gesicht des Verkäufers war wieder verschwunden. „Schade wäre das.“

„Okay, einen Vorschlag hätte ich noch für Sie: Falls dieses Exemplar der Zeitung heute Abend nicht verkauft sein sollte, gehen Sie auf den Markt, kaufen Sie einen Rotkohl und lassen Sie sich den Rotkohl in die Zeitung einpacken. Anschließend gehen Sie nach Hause, nehmen den Rotkohl aus der Zeitung und putzen dann mit der Zeitung das Fenster.“ Er schaute den sprachlosen Verkäufer an, der ihm mit offenem Mund gegenüberstand. „Haben Sie das verstanden?“

„Aäääh, ja… ich glaube schon“

„Also dann: auf Wiedersehen“

„Ja, Wiedersehen… 
oh, halt, einen Moment noch, bitte, mein Herr.“

„Ja was denn noch?“

„Vorhin sagten Sie: Fisch.“

„Fisch?“

„Ja, Sie sagten zuerst, man kann in die Zeitung einen Fisch einwickeln. Aber dann meinten Sie, ich soll mir einen Rotkohl kaufen. Was soll ich denn nun machen?“

„Kaufen Sie den Rotkohl, oder möchten Sie vielleicht, dass ihre frisch geputzten Fenster nach Fisch riechen?“ Der Verkäufer starrte einen langen Moment fragend geradeaus. Dann entfuhr es ihm:

„Nein, natürlich nicht. Sie haben ja vollkommen recht. So werde ich das machen. Und zum Abschluss des langen Tages gibt es dann Rotkohl zum Abendessen. Ich danke Ihnen sehr vielmals!“

„Gern geschehen. Und guten Appetit.“

Beim Verlassen des Ladens kam ihm in den Sinn, wie schwierig das Leben für Pfadfinder sein musste. Jeden Tag eine gute Tat verrichten – das kann ganz schön anstrengend sein.