Kapitel 17

29. November

„Ja, Pfadfinder, hehe … Der ist ja wirklich lustig.“
Der Film wurde wieder angehalten, denn das angewählte Kapitel war nun zu Ende, und auf der Leinwand war nur noch das Menü der DVD zu lesen. „Da ist ja ein Kalender“, fiel es einem der Zuschauer auf. „.. und zu jedem Tag sind auch Ereignisse erwähnt“ ergänzte ein weiterer.

„Das ist richtig“, fügte der Filmvorführer hinzu. „Nun stellen sie sich einmal vor, sie hätten einen solchen Kalender für Ihr eigenes Leben.“ Allmählich wurde es wieder ruhiger im Raum. „Was könnte man denn mit so einem Kalender dann anfangen?“ –

„Man könnte nach vorne blättern, um zu wissen, was noch kommt“ schlug einer der Zuschauer vor.

„Ja, aber dann verrät man ja alles. Natürlich könnte man den Unannehmlichkeiten besser aus dem Weg gehen, aber die schönen Überraschungen und die unvorhersehbaren Freuden wären dann ja auch weg“, wandte ein anderer ein, und beides waren richtige Einschätzungen.

„Man könnte aber auch im Kalender rückwärts blättern, um sich an Vergangenes zu erinnern – an das Schöne, um sich daran zu erfreuen. Aber auch an das nicht so Schöne, um aus den gemachten Fehlern vielleicht nachträglich noch etwas lernen zu können.“

„Ja, durchaus. Beides hat seine Berechtigung.“ Der Filmvorführer erkannte, dass die Diskussion in die gewünschte Richtung ging. „Bitte bedenken Sie jedoch auch, dass Vergangenheit und Zukunft keine realen Zustände sind. Es handelt sich lediglich und Produkte unserer Vorstellungskraft, die in Wirklichkeit – also in der Gegenwart, denn eine andere Wirklichkeit gibt es ja nicht – keine Rolle spielen, da sie nicht präsent sind. Präsent sein, Präsenz erleben, sich im ‚present tense’ befindet, wie der Anglist so sagt – darum geht es also.“

Um zu überprüfen, ob die Angesprochenen ihm geistig noch folgten, legte der Filmvorführer eine kurze Zäsur ein und blickte ins Auditorium. Alle waren auf ihn fixiert, und offenbar waren sie in Erwartung einer weiterführenden Erklärung. Also fuhr er fort:

„Nehmen wir als Beispiel noch einmal den Kalender. Hier sehen Sie das nächste Kapitel: 29. November. Darunter aufgelistet finden wir verschiedene Ereignisse aus der Geschichte der Kultur. Zum Beispiel: den Todestag des Ex-Beatles George Harrison 2001, den Geburtstag englischen Bluesmusikers John Mayall im Jahre 1933 oder die erste Vorführung des Phonographen von Thomas Alva Edison anno 1877.

Das alles sind interessante Persönlichkeiten, sie alle haben Bleibendes hinterlassen und zu jedem der Genannten könnte man viel sagen. Das Gesagte wäre dann eine Mischung aus objektiven Ereignissen – falls es das überhaupt gibt – und subjektiven Eindrücken, die sich ja bekanntlich für jeden einzelnen Menschen anders darstellen. Meist handelt es sich um willkürliche, zufällige und scheinbar zusammenhangslose Betrachtungen, denn durch das Fokussieren auf einen speziellen Aspekt einer Sache lässt man ja zwangsläufig alle anderen Blickpunkte zumindest temporär außer Acht. Daraus resultiert ein eindimensionales, verzerrtes und unvollständiges Bild des betrachteten Objekts, welches also logischerweise nur Bruchstücke des gesamten Sachverhaltes darstellen kann.“

Er blickte in die Runde und sah den Gesichtern seiner Zuhörer an, dass sie ihm gerade scheinbar nicht so ganz folgen konnten oder wollten. Daher beschloss er, spontan eine kurze Pause in seinem Vortrag einzulegen und stattdessen wieder in den Film einzusteigen. „Schauen wir doch mal, was unser Hobby-Schriftsteller mit überschaubarer Lebenserwartung am 29. November so zu Papier bringt.“ Er drückte auf den ‚Play’-Button, und das Bild zeigte eine Computertastatur, auf die mit einer unorthodoxen Fünf-Finger-Technik getippt wurde:

29. November.
Heute ist der Geburtstag von Petra Kelly. Diese Frau war 1980 eines der Gründungsmitglieder der Partei `Die Grünen`, die für viele Jahre zu meiner politischen Heimat wurden. Neben dem in frühen Jahren der Partei radikal vertretenen Pazifismus der Grünen war es vor allem der ökologische Ansatz, der mir als Jugendlichem als Leitgedanke diente:

Die oberste Priorität gilt dem Erhalt der Umwelt, denn ohne intakte Umwelt kann auch der Mensch nicht intakt sein. Ist Ökologie denn eine eigene Weltanschauung? Eine Art Ideologie, wie zum Beispiel auch der Kommunismus? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Der Unterschied zwischen einer Ideologie und einer Religion liegt in der zeitlichen Ausrichtung. Religionen sind immer auf ein Jenseits ausgerichtet, auf eine andere Welt in einer anderen Zeit – auf das Leben nach dem Tod. Gegen ein Leben nach dem Tod ist prinzipiell nichts einzuwenden – nur ist es halt auch gut möglich, dass es ein solches Leben auch gar nicht gibt. Oder dass ein solches Leben auch gar nicht erstrebenswert wäre.

Was unterstellt man zum Beispiel gerne den islamistischen Aktivisten – die, je nach Weltanschauung, wahlweise als Terroristen oder als Märtyrer bezeichnet werden – denn als Vorstellung des Paradieses:
72 Jungfrauen warten dort auf einen. Na schön, von mir aus, ja –
aber im Wesentlichen halt auch nur schön für seltsame Fantasien.
Für Männer-Fantasien.
Und selbst wenn es so wäre: bei zwei- bis dreimal pro Woche stattfindendem Sex, wie es laut einer Statistik für Männer seiner Altersgruppe angeblich üblich sein soll, bliebe von den 72 Jungfrauen nach etwa einem halben Jahr nichts mehr übrig. Stattdessen muss man dann seine Zeit mit körperlich anstrengender Polygamie und geistig unterforderndem Kleinmädchen-Geschnatter verbringen. Und das für alle Ewigkeit!

Was also war dann anders in einer Ideologie? Die Ideologie wartet nicht auf ein besseres Leben nach dem Tod. Die Ideologie will eine Veränderung der Zustände im Hier und Jetzt. In dieser Welt. Da wird dann aber auch schon die Besonderheit einer Ideologie im Gegensatz zu einer Religion sichtbar: Um ein Ziel im hier und jetzt zu erreichen, muss auch hier und jetzt gehandelt werden. Man muss selbst etwas tun. Und die Früchte dieser Arbeit werden auch im Hier und Jetzt sichtbar werden – wenn es denn solche Früchte gibt.

Es genügt also nicht, sich hinzusetzen und auf die Ankunft eines wie auch immer gearteten Erlösers zu warten, der dann alles schon irgendwie wieder in Ordnung bringen wird. Es genügt nicht, die eigene Unzulänglichkeit mehr schlecht als recht zu verstecken und mit seiner ach so fehlbaren menschlichen Existenz zu rechtfertigen. Es genügt nicht, unseren Planeten als Durchgangsstadium zu betrachten und daher alle bestehenden Grausamkeiten zu ignorieren, weil man sich in Erwartung einer Entrückung als selig machender Selbsttäuschung befindet.

Wahrscheinlich deshalb gibt es unter den sich selbst als Christen betrachtenden Kreaturen so wenige ökologisch engagierte Personen: Wer der Umwelt gegenüber eine so geringschätzige Haltung einnimmt, weil ja nach der „Verklärung“ die Erde eh nicht mehr gebraucht würde, tritt seine eigenen Nachkommen mit Füßen. Gibt es eine schlimmere Form des Egoismus als die bodenlose Ignoranz gegenüber den Nachgeborenen durch religiösen Eifer zu rechtfertigen? Selbst die dümmsten Exemplare der Gattung homo sapiens sollten doch noch erkennen können, dass man selbst Teil einer langen Kette des Seins ist, irgendwo mittendrin zwischen einer schier endlosen  Reihe von Ahnen und einer noch nicht absehbaren Menge von Nachkommen. Ob es sich bei den Nachkommen um die eigenen Kinder oder die Kinder anderer Menschen handelt, ist dabei einerlei – wer die Nachwelt respektiert, respektiert alle Menschen gleichermaßen. Wer die Nachwelt ignoriert, ignoriert alle Menschen gleichermaßen.

Vielleicht gibt es deshalb unter den Christen so erstaunlich wenige, die auf den Fleischverzehr verzichten. Wem die anderen Menschen so egal sind, dem sind die Tiere erst recht Wurst. Eine der wenigen, vielleicht sogar die einzige christliche Gruppierung, die wenigstens den Vegetarismus als Ernährungsform befürwortet, sind die Siebenten-Tags-Adventisten. Die Anzahl ihrer Mitglieder wird weltweit auf etwa 20 Millionen geschätzt. Das scheint zunächst viel, macht aber in Anbetracht von ca. 2,3 Milliarden Christen weltweit gerade einmal läppische 0,8 Prozent aus – oder andersherum ausgedrückt: nicht einmal jeder hundertste sogenannte Christ zieht in seinem Leben direkte Konsequenzen angesichts der allgegenwärtigen Verbrechen an unseren Mitgeschöpfen. Von christlich motivierten Veganern ist praktisch gar nichts bekannt, aber…

... was reg’ ich mich auf ...
... was reg’ ich mich auf ...

... was reg’ ich mich auf !

... was reg’ ich mich auf !!

... was reg’ ich mich auf !!!

Er hielt inne.
Ein Begriff wie „Arme Schweine“ veränderte sich vor seinem geistigen Auge. Es ging nicht mehr lediglich um entsetzliches Tierleid, sondern auch um das Entsetzen, dass eigentlich jeden Menschen ergreifen sollte, wenn er auch nur einen einzigen Funken Mitgefühl in sich hatte.

Worauf beruht dieses herablassende Verhalten so vieler „Christen“ gegenüber den Tieren? Weil in der Bibel geschrieben steht ‚Macht euch die Erde untertan’? Und selbst wenn: Ein wahrhaft großer Herrscher zeichnet sich dadurch aus, dass er seine Untertanen schätzt und schützt.

Oder gibt es diese christliche Arroganz vielleicht deshalb, weil in der Bibel die Schöpfung des Menschen nach der Schöpfung der Tiere erfolgt ist und der Christenmensch sich dadurch als über den Tieren stehend betrachtet? Hat Gott bei den Tieren nur geübt, damit der Mensch ihm besser gelingt?

Nach der Erschaffung des Menschen hat der Gott der Bibel angeblich erst mal einen ganzen Tag lang pausiert. Hierzu gab es zwei mögliche Denkansätze:

Vielleicht hat Er inne gehalten, um die Schönheit seiner Schöpfung zu bestaunen. Vielleicht aber auch nur, weil Er sich der Auswirkung seiner Fehlkonstruktion bewusst wurde und – statt noch einen misslungenen Prototyp vom Stapel laufen zu lassen – lieber gar nichts mehr gemacht hat.

Für den ersten Lösungsansatz gab es ein Problem: wenn in der Schöpfung alles so schön ist – warum ist der Mensch dann so grausam gegenüber den Tieren? Das ist doch keine Schönheit und wird nur übertroffen von der Grausamkeit, die der Mensch gegenüber anderen Menschen an den Tag legt.

Der zweite Lösungsansatz ist da schon plausibler, und weitere Kapitel in der Bibel selbst lassen auch durchaus darauf schließen, dass Gott seine Schöpfung ‚Mensch’ möglicherweise selbst bereute: die Vertreibung aus dem Paradies, die Sintflut, die Zerstörung von Sodom und Gomorrha…

Die Bibel besteht bei den Protestanten aus 66, bei den Katholiken sogar aus 73 Büchern, und die genannten Beispiele sind alle nur aus dem ersten Buch der Bibel – der ‚Genesis’ – und somit auch nur der Anfang einer langen Liste.

„… der Anfang einer langen Liste.“ Der zuletzt aufgeschriebene Satz erinnerte ihn wieder daran, dass er das leidige Thema Religion doch eigentlich aus dem Fokus nehmen wollte, um damit den Blick für andere Dinge frei zu haben.

… also … Ökologie, ja genau …. und Petra Kelly.

Die Gründung der Grünen erfolgte als Alternative zur damals regierenden sozial-liberalen Koalition. In der Opposition waren zeitgleich die Konservativen, und rückblickend erklärt sich hier das spätere Dilemma der Grünen: gestartet war man mit einem politisch links orientierten Kurs, doch als nach und nach eine Übernahme der Partei durch fragwürdige Karrieristen erfolgte, wurde der Kurs zunehmend konservativer. So betrachtet ist es konsequent, die Grünen als konservativ zu bezeichnen. Sie wollten ‚konservieren’, also erhalten – an Fortschritt war ihnen nicht mehr gelegen. Als Konsequenz daraus wurden dann Menschen wie Petra Kelly und ihr ebenfalls bei den Grünen aktiver Lebensgefährte Gert Bastian aus dem Amt und aus dem Parlament gedrängt. Zwei Jahre später erschoss Bastian erst die schwerkranke Kelly und dann sich selbst. Petra Kellys letzte Ruhestätte liegt auf einem Waldfriedhof hier ganz in der Nähe.

So, genug Historisches zum heutigen Tage notiert.
Genug der Dechiffrierung der eigenen Vergangenheit.
Genug der Schwermut.
Genug des Tages.

Ab ins Bett.