Kapitel 20

2. Dezember

„So, drei Kapitel auf einmal geschaut!“
Der Mann klatschte in die Hände. „Das sollte jetzt aber erst mal reichen. Schließlich wollen wir auch noch über das Gesehene sprechen, wir wollen diskutieren, wir wollen uns austauschen, kritisch sein, verbale Konflikte austragen und Anregungen erfahren. Richtig?“

Das Standbild auf der Leinwand, das wieder eingeschaltete Saallicht und der forsche Redefluss des Filmvorführers hatten die Zuschauer zu einem jähen Umschwung bewegt. Alle rutschten aus ihrer angenehmen halbschrägen Körperhaltung wieder in die Senkrechte und nahmen nach und nach wieder eine normale Sitzposition ein. Dann richteten sie ihre Blicke wieder auf den Sprechenden.

„Unsere Überlegungen gingen ja der Frage nach, wie viel der Einzelne denn überhaupt erkennen könne. Einzelne Komponenten – das ja. Bestimmte Blickwinkel – auf jeden Fall. Teilbereiche einer komplexen Struktur – mit Sicherheit. Aber niemals das gesamte Bild – niemals!“

Es herrschte vollkommene Stille im Raum, und der Filmvorführer war ebenso gespannt wie sein Publikum, was er denn wohl als nächstes sagen würde. Daher spielte er den Ball an das Publikum weiter.

„Haben Sie hierzu Fragen?“

Keine Hand rührte sich.

„Ich wiederhole: ich habe die Feststellung getroffen, dass wir immer nur Teilbereiche der Wirklichkeit erkennen können, aber niemals die ganze Realität. Haben Sie dazu noch Fragen?“

„Ja, bitte. Ich hätte da eine Frage.“ Im hinteren Bereich des Saales hatte sich eine Frau zu Wort gemeldet. Alle anderen drehten ihre Köpfe nach hinten, um zu sehen, wer denn hier eine Frage stellen wollte. Es war dieselbe Frau, die vorher schon gefragt hatte, wie es denn nun weiterginge und diese Frage dann selbst beantwortet hatte.

„Also dann – ich höre.“ Der Filmvorführer war sich nicht sicher, ob es ein gutes Zeichen war, wenn sich auf seine eher rhetorisch gemeinte Frage hin jetzt tatsächlich jemand dazu ermuntert fühlte, eine Frage zu stellen.

„Meine Frage ist, woher Sie das wissen wollen.“

Die restlichen Zuschauer drehten nun, da sie die Fragestellerin erkannt hatten, ihre Köpfe wieder nach vorne in Richtung des Filmvorführers und warfen sich dabei kurze, verständnislose Blicke zu.

„Was meinen Sie damit – woher ich das wissen will?“

Die Frau fuhr in ruhigem Tonfall weiter fort: „Sie sagten ja, dass man für sich alleine immer nur einen Teil der Realität erkennen könne. Meine Frage nun zielt daraufhin ab, dass Ihre Behauptung in logischer Konsequenz doch zwei Schlussfolgerungen zulässt.“

„Aha, soso.“ Der Körper des Filmvorführers hatte nun eine fast schon militärische Haltung eingenommen. Sein Kinn war leicht erhoben, sein Mund hatte sich zu einem schmalen dünnen Strich geformt und seine Augenbrauen waren fragend nach oben gezogen. „Nun denn, ich bin ganz Ohr.“

„Im ersten Fall gehen wir davon aus, dass ihre Behauptung ‚man kann allein nicht die ganze Realität erfassen’ richtig sei. Dass bedeutet dann aber, dass Ihre Behauptung dieser Aussage im kompletten Gegensatz zum Inhalt dieser Aussage stünde, denn da Sie dies ja ganz alleine behaupten, ist der Inhalt Ihrer Aussage unvollständig, da ja auch Sie für sich alleine – die Richtigkeit Ihrer Behauptung vorausgesetzt –  auch nur einen Teil der Realität erkennen können und die Behauptung Ihrer Aussage damit unvollständig ist und eben nur einen Teil eines Ganzen darstellen kann und nicht das Ganze in seiner Ganzheit.“

Eine betretene Stille machte sich im Raum breit. Irgendwann fing jemand an zu kichern, weil er meinte, so etwas wie ein Fragezeichen im Gesicht des Filmvorführers gesehen zu haben. Dieser aber umging die Situation dadurch, dass er der Fragestellerin auswich, indem er ihr weiterhin das Wort erteilte – mit einem schnell hinterher geschobenen „Und zweitens?“

„Im zweiten Fall nehmen wir an, dass Ihre Behauptung ‚man kann allein nicht die ganze Realität erfassen’ falsch sei. Das bedeutet dann im Umkehrschluss, dass man sehr wohl allein die ganze Realität erfassen könne. Hieraus bilden sich nochmals zwei Möglichkeiten:

a) Wären nun Sie eine Person, der eben dies gelungen wäre – also ‚die ganze Realität allein zu erfassen’ – ergäbe sich dann daraus die Frage, warum Sie hier uns das genaue Gegenteil als angebliche Tatsache erzählen. Indem Sie allein eine Behauptung aufstellen, von der Sie wissen, dass Sie falsch ist und dies so an uns weitergeben, würden Sie darauf spekulieren, dass wir Ihnen

a1) auf die Schliche kommen und die falsche Behauptung als solche erkennen. Damit hätten wir aber dann gemeinsam die Realität der Falschaussage Ihrer Behauptung erkannt, was dem Sinn Ihrer Absicht entgegenstehen würde. Im anderen Fall

a2) gehen Sie davon aus, dass wir Ihre falsche Behauptung nicht erkennen und Ihre allein erfasste Erkenntnis nur noch Ihnen alleine zur Verfügung stünde, worüber Sie uns mit einer profanen Lüge hinweggetäuscht hätten. Und schließlich:

b) Wären Sie eine Person, der es nicht gelungen wäre, die ganze Realität alleine zu erfassen, hätten Sie also zu dieser Erkenntnis die Hilfe anderer in Anspruch genommen und Ihre ursprüngliche Aussage – nämlich ‚man kann allein nicht die ganze Realität erfassen’ wäre wiederum richtig, wodurch unsere Annahme, dass die Aussage zwar richtig, die Behauptung der Aussage aber falsch sei, falsch ist.“

Da im Saal nun alle ebenso verständnislos wie sprachlos waren, beendete die Frau Ihre Ausführungen mit der Zusammenfassung:

„Da beide Möglichkeiten in gleichem Maße ebenso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich sind, frage ich Sie nun nochmals: Woher wollen Sie wissen, dass man allein nicht die ganze Realität erfassen kann?“

Nach scheinbar endlosen Sekunden des betretenen Schweigens im Raum löste der Filmvorführer seine strenge Körperhaltung und schwenkte in seiner Außenwirkung nun komplett um. Statt dem dozierenden, schulmeisterlichen Schlaumeier gab er nun den lockeren, kumpelhaften und lachenden „Lass-uns-darüber-reden“-Frauenversteher.

„Ahaha, ahahaha, aha-ahaber ich bitte Sie: was ich da proklamiere, ist doch nur Philosophie für Erstsemester“, versuchte er abzuwiegeln, „das ist doch Konsens seit Generationen. Wir sprechen hier über die erste der vier ‚Kantischen Fragen’, die uns in der Erkenntnistheorie seit langem bekannt sind. ‚Bekannt seit Kant’, könnte man sagen, hahaha, ein Wortspiel, hahaha, ein Wortwitz, hahaha, soeben aus dem Nichts entstanden – und Sie waren dabei! Ist das nicht fabelhaft? Ist das nicht wunderbar? Oder, um es im Sinne Kants zu sagen: ist das nicht unglaublich?“

Er rieb sich die Hände und grinste feist ins Publikum. Die meisten fielen auf sein Ablenkungsmanöver herein. Die meisten, aber eben nicht alle – denn nun meldete sich ein Mann zu Wort:

„Ich nehme an, Sie sprechen von der Frage ‚Was kann ich wissen?’, ja?“

Der Filmvorführer nickte höflich und gab dem Mann mittels einer lockeren Geste mit der Hand zu signalisieren, dass er eine Fortsetzung der Kant’schen Fragen erwartete.

„Dieser ersten Frage folgen dann bei Kant ja noch ‚Was soll ich tun?’, ‚Was kann ich hoffen?’ und ‚Was ist der Mensch?’,“ fuhr der Mann unbeirrt fort. Er hatte sehr kurz geschorenes Haar, eine kleine Brille mit runden Gläsern und ein schmales Gesicht, aus dem man Konzentration und Gelassenheit gleichermaßen ablesen konnte. Höflich richtete der Fragesteller seinen Blick dann zum Filmvorführer, um dessen Zustimmung zu erhalten. Der so Angesprochene verschränkte selbstgerecht die Arme.

„Das haben Sie aber gut auswendig gelernt.“ Ohne auf die offensichtliche Provokation des Filmvorführers einzugehen, sprach der Mann in ruhigem Tonfall weiter:

„So wie Sie die Frage formulierten, ist es aber nicht ausreichend“, konstatierte der sportlich wirkende Mann, der wie Mitte dreißig aussah, aber vielleicht auch schon Mitte vierzig war – und er schien Gefallen an dem sich anbahnenden Diskurs zu finden. „Der Philosoph Edmund Husserl hat in seiner Phänomenologie des Raumes und der Bewegung sehr grundlegend den Zusammenhang zwischen der Kinästhesie und den damit verbundenen Abwandlungen in der Erscheinung des Betrachteten erforscht. Im Gegensatz zu Kant allerdings definiert sich laut Husserl auch der Raum der Wahrnehmungserfahrung durch die Erscheinungen der subjektiv wahrgenommenen Dinge und wird somit in die Bewegungsempfindungen des Wahrnehmungssystems mit einbezogen.“

„Ja… na ja … also gut, von mir aus. Wenn Sie das so sehen wollen: bitte schön – meinetwegen.“ Dem Filmvorführer war sichtlich unbehaglich geworden. Seine verbale Strategie folgte eigentlich der weit verbreiteten Taktik ‚Wenn man nicht überzeugen kann, soll man wenigstens für Verwirrung sorgen’. Nun schien er aber in der hartnäckigen Fragestellerin und dem detailgenauen Debattierer ebenbürtige Gegner auf intellektueller Augenhöhe gefunden zu haben.

Der Mann setzte seinen Gedankengang ohne jegliche äußere Regung weiter fort: „Sie müssen meinen Ausführungen nicht zustimmen, wenn Sie nicht meiner Ansicht sind. Es geht nicht um Rechthaberei. Husserl war auch Mathematiker und einer der Haupteinflüsse von Jacques Derrida – und somit prägend für die Philosophie der Dekonstruktion. Derrida wiederum wurde für seine Herangehensweise von Noam Chomsky scharf kritisiert, denn für den Linguistiker handelt es sich hierbei um prätentiöse Rhetorik und eine bewusste Verunklarung der Ideen. Ich fordere daher logische Stringenz in Ihren Ausführungen. Das ist die erforderliche formale Basis jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung.“

Der Querulant schien sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Daher hielt  es der Filmvorführer für ratsam, der für ihn allmählich brenzlig werdenden Situation durch Abbruch der Diskussion den Garaus zu machen, indem er den generösen Talkshowmaster gab: „Ich bedanke mich bei Ihnen herzlich für Ihre interessanten und bemerkenswerten Gesprächsbeiträge. Tja, morgen ist auch noch ein Tag, und wir alle müssen ja wieder früh raus. Zum Abschluss unseres heutigen Treffens hier noch zwei Szenen aus unserem Film.“  

Er drückte die „Start“-Taste der Fernbedienung. Auf der Leinwand war nun eine uralte Schreibmaschine vom Typ Olympia SM 3 zu sehen. Zwei Hände tippten in etwas unbeholfener Manier und begleitet vom lauten Klackern der Drucktypen einen Text auf das leicht zerknitterte Papier:

2.  Dezember. Heute jährt sich der Todestag von Eric Woolfson. Er war eine Hälfte des Songwriter- und Produzenten-Duos ‚The Alan Parsons Project’. Die späteren Alben des Projects waren konzeptionell interessant, aber musikalisch hatte man den Höhepunkt längst überschritten. Kein Wunder, denn nach dem grandiosen Debüt-Album von 1976 war eine Steigerung auch nur schwer vorstellbar: ´Tales of Mystery and Imagination´ vereinte viele der besten britischen Studiomusiker dieser Zeit auf einer Platte. In einem späteren Re-Release wurden dann noch zwei Rezitationen hinzugefügt, die von Orson Welles gesprochen wurden. Der eigentliche Verdienst des Albums für mich persönlich liegt allerdings darin, dass diesem Konzeptalbum die Texte eines amerikanischen Dichters zugrunde lagen, der mich nachhaltig beeindrucken sollte: Edgar Allan Poe.

Poe war ein äußerst vielseitiger Schriftsteller. Neben dem Verfassen von Essays, Satiren und wissenschaftlichen Abhandlungen betätigte er sich in zwei weiteren literarischen Gattungen, die seinen Ruf als  Phantast schufen:

Seine Lyrik mit Werken wie „The Raven“ und „The Bells“ ist minutiös konstruiert and hat eine beinahe musikalische Rhythmik. Allem voran jedoch sind Poes sinistre Erzählungen im Gedächtnis der Nachwelt verankert. Das Genre der schwarzen Romantik, das von Lord Byron in England und E.T.A. Hoffmann in Deutschland maßgeblich beeinflusst war, wurde durch die Werke von Edgar Allan Poe vollendet.

In seinen ‚Gothic Novels’ schwanken die meist morbiden und oft lebensmüden Charaktere häufig zwischen gesundem Menschenverstand und totalem Wahnsinn hin und her. Die Protagonisten finden sich in Situationen wieder, die sie an der Funktion ihres Verstandes zweifeln lässt. Was daraus folgt, ist instinktives Handeln – irrational, triebgesteuert und nicht selten von archaischer Natur. Bizarrer weise sind die letzten Tage im Leben Poes wahrscheinlich genauso verlaufen: nachdem er auf einer Reise von Richmond nach Fordham – heute Teil von New York – für eine Woche lang spurlos verschwunden war, tauchte er plötzlich in Baltimore auf; er schien verwirrt und schwer krank zu sein. Wo er sich in der zurückliegenden Woche aufgehalten hatte und was während dieser Zeit geschehen war, ist bis heute unklar. Poe starb wenige Tage später. Die Umstände, die zu seinem Tod führten und die Todesursache selbst sind nicht bekannt.

‚Puuuuh, ziemlich schwerer Stoff‘, ging es ihm beim Lesen des gerade verfassten kalendarischen Eintrages durch den Kopf. Sollte man sich als Schreibender wirklich so sehr mit seinem Geschriebenen identifizieren, dass sogar das eigene Ableben wie die Sequenz aus einem höchstselbst verfassten Roman inszeniert scheint? Und was, wenn es bei Poe gar keine Inszenierung war? Was bedeutet das für mich, einen Menschen, der sein ihm nahendes Ende mit den Mitteln der Literatur zu dokumentieren versucht?

Die Eskapaden seiner vergangenen Jugend waren ebenfalls von einer unstillbaren Neugier auf das Leben selbst verursacht worden. Körperliche Exzesse und sittliche Entgleisungen hatte auch er durchgemacht, bis ein gesundheitlicher Zusammenbruch seinem wüsten Treiben schlagartig Einhalt gebot. Der nachfolgende mehrwöchige Krankenhausaufenthalt zum Zwecke der physischen und psychischen Rekonvaleszenz hatte ihm genug Zeit gegeben, seinen bis dahin hemmungslos ausgelebten Hedonismus zu überwinden und sich neu zu orientieren. Nachdem ihm die alten Verhaltensmuster abhandengekommen waren und eine neue Ausrichtung noch nicht absehbar war, konzentrierte er sich auf die Vorgehensweise der Minimalisten: wenn man nicht weiß, was das Richtige ist, entledigt man sich zunächst einmal derer Umstände im Leben, die man als falsch erkannt hat. Das schafft Raum. Inneren Raum, den es mit neuen Inhalten und Interessen zu füllen gilt. Äußeren Raum, den man sich Schritt für Schritt erarbeiten wird. Nur eines war klar: so, wie es gewesen war, konnte es nicht weitergehen.