Kapitel 21

3. Dezember

… „und zuletzt noch Kapitel 21.
Achten Sie bitte darauf, wie unser Hauptdarsteller eine Art Bewusstseinssprung erlebt, indem er sich, sein zu schreibendes Buch und unseren Film für einen Moment als einen Zusammenhang erlebt und diese fundamentale Erkenntnis dann als unmöglich abtut. Aber ich will Ihnen ja nicht zu viel verraten. Also…“ sprach der Filmvorführer, startete den Film nochmals und schritt unverzüglich vom Rednerpult hinweg Richtung Ausgang des Saales…

„Nein, so wie es gewesen war, konnte es nicht weitergehen.“ Man sah ihn vor einem Computer sitzend sprechen. „Was bringt das, wenn ich die Biographien meiner bevorzugten Künstler in Kurzform wiedergebe, ergänzt durch ein paar persönliche Bemerkungen? Der Inhalt ist sachlich soweit wohl richtig, auch wenn man durch die Gewichtung der Fakten, die Reihenfolge ihrer Anordnungen oder durch simples Weglassen schon einiges verändern konnte? Bei Edgar Allan Poe zum Beispiel habe ich nicht erwähnt, dass er auch Kriminalgeschichten geschrieben hat – einfach nur, weil ich kein großer Krimi-Fan bin. Dieses Nicht-Erwähnen einer Tatsache aber verändert doch die gesamte Persönlichkeit. Nun ja, nicht die Persönlichkeit selbst, sondern ihr Erscheinungsbild. Oder, auf Englisch: Das Image der Persönlichkeit.“

„Ich würde das ´Englisch´ streichen.“

„Aber das ist wichtig. Es geht ja leider eben nicht nur um die Persönlichkeit, sondern ihr Image“.

„Das schon, aber du sagtest: ‚auf Englisch’. Das ist nicht die Sprache der Gegenwart. Heute nennt man so etwas ‚neudeutsch’.

„Ach so… ja, das stimmt. Danke für den Hinweis. Du hast recht: Die Art und Weise, in der man sich der Sprache bedient, bestimmt auch über die Vermittlung des Inhaltes entscheidend mit. Das ist es doch, was du mit deinem Einwand gemeint hast, oder?“

„Ja, denn neudeutsch hat einen leicht abfälligen Unterton. Man suggeriert durch die Verwendung des Begriffes, dass man den Umstand, den er beschreibt – in unserem Fall die zunehmende Verwendung von Anglizismen in der deutschen Sprache – nicht gutheißt. Die eigentliche Aussage, das Nachfolgende, erscheint dann daher auch in einem anderen Licht.“

„Hmmm, ok, lass uns mal überprüfen, ob das in unserem Fall so ist. Ich sagte ja: ‚Oder, auf Englisch: Das Image der Persönlichkeit’ und wollte eigentlich ausdrücken, dass eine Persönlichkeit als solche von ihrem Image, also ihrem öffentlich dargebotenen Erscheinungsbild, durchaus zu unterscheiden sei. Wenn ich nun deinen Vorschlag annähme und mich der modernen Sprache bediente, hätte der Satz gelautet: ‚Oder, auf neudeutsch: Das Image der Persönlichkeit.’ Damit hätte ich durch die Verwendung des etwas ironischen Terminus ‚neudeutsch’ den nachfolgenden Satz im vornherein diskreditiert, da durch die anschließende Verwendung des englischen Wortes ´Image´ das Gesagte konterkariert worden wäre. Hätte ich hingegen statt von einem Image sinngemäß von einem Abbild gesprochen, dann wäre der vorherige Halbsatz ‚oder, auf…’ so oder so obsolet gewesen, denn ob man nun Englisch oder neudeutsch verwendet hätte: was folgt, ist ein deutscher Satz, nämlich ‚das Abbild einer Persönlichkeit’ – und das ist, wie wir ja festgestellt haben, etwas anderes als die Persönlichkeit selbst und damit der eigentliche Gegenstand der Aussage.“

„Gut, das hätten wir geklärt“, pflichtete die Stimme aus dem Computer bei, „dann betrachten wir jetzt noch mal das eigentliche Thema. Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es dir darum, dass dein Text – von dem du mir immer noch nicht verraten hast, warum du ihn überhaupt schreibst – darunter leidet, dass die Aufzählung von kalendarischen Fakten zu historischen Persönlichkeiten noch keine richtige spannende Sache ist. Deshalb kombinierst du das in deinem Text mit deiner persönlichen Einstellung zu diesen historischen Persönlichkeiten. Du verknüpfst Erlebnisse, Erinnerungen und Wünsche mit den Fakten des Lebens von Personen, die am jeweils heutigen Tage Geburtstag oder Todestag haben. Soweit richtig?“

„Richtig.“

„Und wenn du im Kalender keine Persönlichkeit findest, zu deren Leben und Werk du eine eigene Aussage treffen kannst, dann gehst du ein paar inhaltliche Umwege und landest somit wieder bei einer historischen Persönlichkeit, die dir etwas bedeutet, und schilderst dann deren Einfluss auf dich. Korrekt?“

„So ist es. Ich habe dir das ja am gestrigen Beispiel erläutert: Für den 2. Dezember habe ich zu keinem Künstler, der mir besonders am Herz liegt, etwas Interessantes oder Passendes gefunden. Also habe ich nachgesehen und den Todestag von Eric Woolfson gefunden und dann seine Mitgliedschaft im Alan Parsons Project genutzt, um über deren Album ‚Tales of mystery and imagination’ zu Edgar Allan Poe zu gelangen. Über Poe konnte ich dann allerhand schreiben, denn es gab Zeiten in meinem Leben, da hatte ich ähnliche Gefühlslagen wie die Figuren in seinen Gothic-Novel Erzählungen. Deshalb habe ich dann auch sein kriminalistisches Werk nicht erwähnt: Ich habe einfach keinen Bezug dazu.“

Am anderen Ende der Leitung war es still.

„Bist du noch da?“

„Ja…. jaja…. ich habe dir nur aufmerksam zugehört. Nur gibt es halt immer diese Zeitverzögerungen bei Skype zwischen dir in Deutschland und mir hier in Südafrika.“

Öschis Erklärung war richtig. Mit diesen manchmal sekundenlangen Verzögerungen konnte ein Zwiegespräch mitunter ganz schön anstrengend sein, weil bisweilen beide zu sprechen begannen, dann ihren Fauxpas bemerkten und daraufhin dem Gesprächspartner freundlicherweise den verbalen Vortritt lassen wollten – weshalb dann das erneute gleichzeitige Sprechen von einer zeitgleichen Stille abgelöst wurde. Hatte man diese Stille bemerkt, versuchte man seinen unterbrochenen Satz dann weiterzuführen, und es begannen meist wieder beide gleichzeitig zu reden – das Spiel begann von vorn:

„Woher Poe nimmst hat du leider eigentlich erst deine im kalendarischen Januar Informationen Geburtstag?.“

Einige Sekunden Stille in der Leitung. Keiner sagte ein Wort. Dann:

„Poe Woher hat nimmst leider du erst eigentlich im deine Januar kalendarischen Geburtstag Informationen.?“

Wieder Stille.

Dann fingen beide laut zu lachen an.

„Das ist ja wirklich witzig“, tönte es aus dem Lautsprecher, „Diese Delays beim Skypen schaffen ja ein babylonisches Sprachengewirr. Ich schlage vor, du wiederholst deinen letzten Satz noch mal, und dann kann ich auch meine Frage noch mal stellen.“

„Ja, ok,…“ Er musste immer noch lachen. „Ich versuch’s mal. Eigentlich wollte ich nur noch ein Detail hinzufügen, dass mich beim Schreiben einschränkt. Da mein Text ja immer tagesaktuell eingeleitet werden soll, habe ich mich zu dieser Art Kunstgriff entschieden. Deshalb lautete mein letzter Satz: Poe hat leider erst im Januar Geburtstag.“

„Na und? Warum hebst du dir Poe dann nicht für Januar auf?“

„Aaach, was weiß ich …. was weiß ich, was im Januar sein wird.“

Wie bereits bei Effm hatte er auch seinem langjährigen Freund Öschi gegenüber nichts von der ärztlichen Diagnose erzählt. Immerhin hatte er aber sein tägliches Schreiben erwähnt. Und so versuchte er, das Gespräch wieder auf Kurs zu bringen.

„Also, ich sagte: Poe hat leider erst im Januar Geburtstag. Aber was war denn nun deine Frage, die unserem technischen Malheur zum Opfer fiel?“

„Die Frage war: Woher nimmst du eigentlich deine kalendarischen Informationen?“  

„Naja, die meisten habe ich auswendig parat. Manchmal werde ich auch mit der Nase drauf gestoßen, in Zeitungen, Büchern oder so. Ab und zu fällt mir allerdings zu einem Tag auch nichts ein, und dann schaue ich mal ins Lexikon…“

„Ins Lexikon? Wow, voll old school, was?“

„Old school ist wohl neudeutsch, was?“

Beide fingen zu lachen an. Zunächst hörte er nur sich selbst lachen, denn bis das Lachen aus Südafrika per Skype zu hören war, vergingen erst mal ein paar Sekunden. Öschi wiederum hörte in Südafrika erst sein eigenes Lachen, da das Lachen aus Deutschland erst nach einigen Sekunden übertragen worden war.

„Humor ist gar nicht so einfach, wenn man eine lange Leitung hat“ erwiderte der Freund „aber ich versuche jetzt mal, dein Vorgehen nachzuvollziehen. Da ich gerade vor dem Rechner sitze, hole ich kein Lexikon aus dem Schrank, sondern ich nehme das bekannteste Online-Lexikon der Welt. Aaalso ….“ Man hörte das Tippen auf einer Computertastatur. „ we we we wikipedia punkt org …. deutsch …. drei punkt dezember … runterscrollen … geboren  … 1960 … oh, ja, da ist gut.“ Der Freund schien Gefallen an seinem Vorgehen zu finden „hey, heute hat ja Julianne Moore Geburtstag. Die ist klasse. Kannst du dich noch an die Szene im „Big Lebowski“ erinnern, als sie nackt an einer Art Flaschenzug hängend über Jeff Bridges hinwegrauscht, dabei mit Pinseln dann Farbe oder sonst was in der Gegend herumspritzt und nach ihrer Landung dem verdutzten Dude erklärt: „Meine Kunst bezeichnet man gemeinhin als vaginal.“ Das ist Julianne Moore!“

„Ja, genau, herrliche Szene.“

„…oder hier … gestorben: … 1894: Robert Louis Stevenson. Den musst du unbedingt erwähnen,

alleine danke schon aber wegen ich Jekyll habe und schon Hyde Stevensons solltest Geburtstag du in den meiner unbedingt Geschichte bringen erwähnt“

Wieder Stille. Dann:

„danke alleine aber schon ich wegen habe Jekyll schon und Stevensons Hyde Geburtstag solltest in du meiner den Geschichte unbedingt erwähnt bringen’“

Nun hatten die beiden ja gelernt, wie man mit der Skype-bedingten Zeitverzögerung umzugehen hatte, und so korrigierten sie umgehend:

„… ich meinte:

‚alleine schon wegen Jekyll und Hyde solltest du den unbedingt bringen’“

„… und ich meinte:

‚danke aber ich habe schon Stevensons Geburtstag in meiner Geschichte erwähnt’“

„Ach so. Ich verstehe… ja, ich verstehe deine Vorgehensweise. Mach doch auch mal die Webseite auf und schau dir die Liste an, das ist wirklich eine ganze Menge. Wen würdest du denn daraus für heute nehmen?“

„Hmmm …. also …. ja …. da sind schon ein paar sehr interessante Künstler dabei ….. Renoir …. Eckermann …. ich hab halt schon einiges an Malern und Dichtern untergebracht … vielleicht scroll ich ja noch mal zu den Geburtstagen hoch … aaalso … 1948: Ozzy Osbourne – ach nööö ….. oder hier: 1944: Ralph McTell – schon besser, aber ich kenne von ihm nur das eine Lied …. 1942: Alice Schwarzer – würg …. 1931: Franz Josef Degenhardt – der war ok, aber ich hab’ halt auch schon so viel über Musiker geschrieben …. hier: 1930: Jean-Luc Godard – Volltreffer! Da klicken wir doch mal auf den Link …

„Hey, weißt du was? Lass uns doch mal die Vorteile des Online-Lesens nutzen. Wir können ja dank des Internets jetzt beide im selben Lexikon lesen, obwohl wir ungefähr dreizehntausend Kilometer auseinander sind. Ich klick auch mal auf den Link zu Godard…“

Und so begannen beide, den Wikipedia-Eintrag des französischen Filmregisseurs zu überfliegen. Alles mussten sie nicht lesen, denn als Fans des Films – genauer gesagt: als Fans des europäischen Films – um ganz genau zu sein: als Fans des französischen Films – waren sie mit den wichtigsten Werken dieses Vertreters der Nouvelle Vague vertraut. Und so überflogen sie lediglich das Kapitel ‚Leben und Werk’:

…. ‚die Filme immer mit umfangreichen Schriften begleitet’ …

…. ‚beruft sich auf die Regisseure Dreyer und Murnau
         sowie auf den Schriftsteller Dostojewski’…

…. ‚Stilmittel, die für jene Zeit unkonventionell waren’…

…. ‚einem experimentellen Umgang mit Musik und Schrifttafeln’…

… ‚beschäftigte sich in einer Art Selbstreflexion mit seinen
     eigenen Werken’…

„Hier, das ist die beste Stelle!“ rief der Filmvorführer. „Achten Sie auf den folgenden Dialog.“ Denn nach ‚Leben und Werk’ kamen die beiden Lesenden dann zu dem Abschnitt ‚Godard und sein Stil’.

Auf der Leinwand war nun ein Computermonitor sichtbar, auf dem eine Wikipedia-Seite dargestellt wurde. Die Kamera huschte schnell über den Text, so schnell, dass für die Betrachter das Geschriebene zu einem verwaschenen Farbfleck wurde. Kein Wort war lesbar, nur ab und an wurde das Tempo der Kamera verlangsamt, und man erkannte Halbsätze wie:

…’gekennzeichnet durch ihre freie und experimentelle Form’…

…’collagenhafte Abbilder der Realität’…

…’durchbricht zum Teil die Filmrealität’…

…’die Handlung wird häufig unterbrochen’…

… ‚eine Analyse der eigenen, subjektiven Betrachtungsweise’…

…’in welcher Beziehung Sprache und Bilder zueinanderstehen’…

…’Kontrolle über die Bilder mit Hilfe der Sprache’…

…’Er zeigt, wie begrenzt das sichere Wissen der Menschen über
    Gegenstände oder Personen jedweder Form ist’…

…’Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt –
   meiner Sprache, meiner Welt’…

„Das ist aber von Wittgenstein!“

„Was?“ rief er plötzlich auf, und: „Öschi, was hast du gesagt?“

„Wie bitte?“ kam die Stimme per Skype aus dem Computer

„Ich dachte, du hättest etwas gesagt“, gab er zurück.

„Nein, habe ich nicht. Was hätte ich denn sagen sollen?“

„Kann ich nicht genau sagen. Es hörte sich an wie ‚Das ist aber von Wittgenstein’ … oder so ähnlich“

„Ich habe nichts gesagt. Aber da: lies mal hier unten… da steht doch, dass Godard sich in ‚Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß’ auf Wittgenstein bezieht. Wahrscheinlich hast du das daher.“

„Ja, schon, lesen kann ich das auch, aber ich glaubte eben, gehört zu haben, dass jemand rief ‚Das ist aber von Wittgenstein’. G-e-h-ö-r-t!“

„Jemand? Also ich bin hier allein zu Hause. Und selbst wenn hier jemand etwas gerufen hätte, dann hätte ich das noch lange vor dir gehört. Du weißt ja: das Skype-Delay…“

„Hmmm, du hast recht. Aber ich bin mir fast sicher, gehört zu haben, dass jemand gerufen hat.“

„Na wenn, dann war das bei dir.“

„Unmöglich, Öschi, unmöglich…. Hier ist niemand außer mir“

„Hast du irgendwas im Hintergrund laufen? Eine CD? Oder vielleicht eine DVD?“

„Nein … nichts von alledem. Meine CDs und DVDs stehen alle sauber und ordentlich nach Alphabet sortiert im Regal … also … ich meine… na ja …. ok, die meisten zumindest.“

„Aha. Hast du denn außer Skype und Wikipedia vielleicht noch eine andere Webseite offen? Irgendein youtube-Video vielleicht, dass im Auto-Play-Mode gestartet ist? …oder Vimeo? …. vielleicht Spotify? “

„Warte mal ….“ Der Freund konnte das Klappern der Tasten und das Klicken der Maus in Südafrika mithören, und nach einigen Sekunden kam dann: „…nee, auch nichts dergleichen“

„Vielleicht irgendein anderes Programm im Hintergrund, dass irgendeines deiner was-weiß-ich-wie-vielen Hörspiele, Audiobooks oder sonst irgendwie vorhandenen Audio-Dateien von der Festplatte deines Rechners abgespielt hat?“

„Ich schau mal …. hmmmm….. nein, nichts geöffnet. Gar nichts.
Nur Skype und Wikipedia.“

„iTunes? Oder der olle Quick Time Player vielleicht?“

„Nichts….. Nothing…. Niente… Nada.. Néant.“

„Jaja, schon gut. Hätte ja sein können ….“

„Ja, Öschi, hätte ja sein können. War aber leider nicht so… oh, Moment, bitte. Es klingelt an der Haustüre.“

„Na dann geh mal ran. Vielleicht ist es ja der Wittgenstein-Experte, hahaha. Aber das passt auch, ich muss jetzt eh mal langsam Schluss machen, die Hitze macht mich ganz fertig, Ich geh jetzt erst mal raus in den Pool.“

„Raus in den Pool? Im Dezember?“

„Ja, du weißt doch: Südafrika. Die andere halbe Seite der Erdkugel. Wenn es in Deutschland Winter ist, haben wir hier Hochsommer.“

„Ja, natürlich. Du, es hat noch mal geklingelt. Ich geh dann mal Richtung Haustüre. Also, mach’s mal gut.“

„Servus“

Die Skype-Verbindung wurde mit dem typischen Pieps-Ton beendet. Als er das Programm schloss, klingelte es zum dritten Mal an der Haustüre.