Kapitel 22

4. Dezember

Bild des Protagonisten mit derAufschrift: "was wäre, wenn... oder auch nicht"

„Und?“

„Was, und?“

„Und wie kommen Sie mit Ihrer Gesprächsrunde voran?“

„Nun, es ist es interessantes Projekt. Die Gruppe ist … wie soll ich sagen … die Gruppe ist sehr heterogen.“

„Heterogen?“ Der etwas dickliche Mann in dem feudal gepolsterten Chefsessel wollte es genauer wissen. „Heterogenität ist ja nichts Schlimmes. Es bedeutet nur, dass die Gruppe nicht einheitlich ist. Hätten Sie denn lieber eine homogene Gruppe, in der alle gleichartig sind?“

„Nun, das nicht unbedingt. Die Vielschichtigkeit selbst ist durchaus sehr reizvoll. Die Sache ist nur so, dass die Mitarbeit der meisten Mitglieder in der Gruppe sehr … sagen wir mal … eher passiv orientiert ist.“

„Wollen Sie damit sagen, dass diese Leute nur desinteressiert dasitzen?“ Die kräftige Stimme des Nachfragenden füllte den ganzen Raum. „Ihre Zuschauer sehen sich den Film unkommentiert und machen sonst nichts?“

„Ja… nein… also ja, die meisten schon, aber eben nicht alle. Ich versuche auch, die Teilnehmer zu integrieren, indem ich den Film immer wieder anhalte, Fragen dazu stelle, Meinungen einhole … ich versuche, einen Dialog in Gang zu bringen, aber es gelingt mir bisher leider nur zum Teil, Herr Direktor.“

„Ich bin nicht der Direktor. Ich bin lediglich der Geschäftsführer, und somit ein Angestellter dieses Unternehmens – praktisch so wie Sie, ha ha ha. Na ja, Scherz beiseite – ein wenig unterscheiden sich unsere Aufgaben schon. Mein Job besteht darin, die verschiedenen Projekte im Hause zu organisieren und zu koordinieren. Das ist aber nur die fachliche Seite. Dazu kommen dann noch viele Aufgaben, die über die Interna hier im Haus hinausgehen: Meetings mit den Gesellschaftern, Beirats-Sitzungen, der Rechenschaftsbericht mit der Finanzverwaltung … wir sind ja auch ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen und stehen in einem harten Wettbewerb. Sie glauben gar nicht, mit welch harten Bandagen in diesem Gewerbe um Kunden geworben wird …. Wir nennen Sie Kunden …. früher sagte man ‚Patienten’, aber das impliziert so eine negative Konnotation …. uns selbst ist das gar nicht aufgefallen, aber unsere Gesellschafter haben eine PR-Agentur engagiert, und die hat das dann herausgefunden. Mit Meinungsumfragen, Interviews, Statistiken … das ganze Arsenal an Möglichkeiten. Mit dem Ergebnis, dass unsere ‚Patienten’ jetzt ‚Kunden’ heißen. Und ich sage Ihnen: es geht hier mitnichten nur um Begrifflichkeiten. Ich persönlich wäre gerne noch einen Schritt weiter gegangen. ‚Auftraggeber’ wäre ein Terminus, der noch viel mehr die Beziehung unserer Kunden zu unserem Haus widerspiegelt – und glauben Sie mir: Beziehungen sind das Wichtigste, denn es kommt auf das Verhältnis an, dass man zu seinen Auftraggebern pflegt. Ich sage bewusst ‚Auftraggeber’, denn ohne Auftraggeber keine Aufträge, ohne Aufträge kein Umsatz, ohne Umsatz kein Gewinn und ohne Gewinn keine Gehälter, die wir unseren Mitarbeitern zahlen könnten. Daher genießen unsere Auftraggeb… ääh, ich meine natürlich, unsere Kunden – oberste Priorität. Also, wie kommen Sie mit Ihrer Gesprächsrunde voran?“

Der Filmvorführer hatte die ganze Zeit respektvoll gelauscht und eifrig mit dem Kopf genickt, um dem Geschäftsführer Zustimmung zu signalisieren.  Dann entgegnete er: „Nun, es ist ein bisschen wie in der Physik – die Masse ist träge, hi hi hi… ich meine, die meisten sitzen da und lassen den Film mehr oder weniger desinteressiert über sich ergehen.“

„Ja, das ist sicher keine leichte Aufgabe, die Sie da übernommen haben. Einen Film anzuschauen verleitet viele Menschen zur Passivität. Die sind dann nicht geistig aktiv dabei. Sie konsumieren nur.“

„In der Tat, ja, so ist es leider. Manchmal machen sie auch alberne Bemerkungen über den Protagonisten des Films. Der existenzialistische Unterton des Gesehenen scheint an ihnen spurlos vorbei zu ziehen.“

„Und Sie? Was tun Sie, damit diese Filmvorführungen nicht nur phlegmatisch und unreflektiert erduldet werden?“

„Nachdem sich der Versuch einer gruppendynamischen Reflexion als undurchführbar erwies, bin ich zu der kühnen Überlegung gelangt, ob die Zuschauer vielleicht nicht überfordert, sondern möglicherweise unterfordert sind.“

„Mmmhmm.. interessant. Und welche Methoden haben Sie dazu angewandt?“

„Nun, ich habe damit begonnen, das Gespräch auf eine … sagen wir …  geisteswissenschaftlich herausfordernde Ebene zu portieren.“

„Soso … und mit welchem Ergebnis?“

„Es scheinen zwei Menschen – oh, Entschuldigung – zwei Kunden dabei zu sein, deren Interesse ich auf diese Weise wecken konnte.“

„Zwei gleich? Na, immerhin – das ist doch eine begrüßenswerte Entwicklung, finden Sie nicht?“

„Durchaus. Es handelt sich dabei um eine Frau, die immer sehr logisch analysiert und konsequent argumentiert. Dabei exerziert sie stets alle in Betracht kommenden Lösungsmöglichkeiten für eine Fragestellung durch. Das ist etwas zeitraubend, aber durchaus interessant – nicht nur aus klinischer Sicht, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.“

„Ja, dürfen Sie. Und die zweite Person?“

„Ein Mann. Er ist erst vor kurzem in die Diskussion eingestiegen, aber er scheint über ein profundes Wissen in puncto Philosophie und Wissenschaft zu verfügen. Außerdem spricht er immer sehr langsam und bedächtig, nahezu gleichförmig und auch ein bisschen monoton. Aber seine Ausführungen sind sehr versiert.“

„Sehr schön. Das ist doch schon mal ein guter Ansatz. Ich möchte, dass Sie in diese Richtung weitermachen. Wichtig ist, dass Sie beharrlich bleiben. Es ist eben auch eine Art … Experiment. Wissen Sie, wir betreten hier wissenschaftliches Neuland. Die Gruppentherapie als solche ist natürlich schon seit vielen Jahrzehnten ein allgemeiner Standard, aber es kommt auf die Rollenverteilung an. Und außerdem setzen wir ja außer auf die klassischen Methoden auch auf modernste Technik und neueste Medien: den Kinosaal haben wir extra bauen lassen, damit unsere Patienten – äääh, ich meine natürlich, Kunden – eine vertraute Umgebung haben. Einen Film anschauen und sich hinterher darüber mit anderen austauschen – das mag doch jeder, das tun wir doch alle. Und genau das ist unser Konzept: Wir holen die Leute da ab, wo sie sind. Und Hand aufs Herz: wir alle lieben es doch, uns selbst zuzuhören, nicht wahr? Beim Filmgucken den Schlaumeier geben, wer tut das nicht gerne, hmmm?“

Der Geschäftsführer grinste über den Schreibtisch hinüber und erwartete scheinbar eine Zustimmung. Der Filmvorführer pflichtete ihm eifrig bei.

„Oh, ja, Sie haben natürlich recht. Deshalb schauen die Menschen wohl auch so gerne Krimis und raten immer mit, wer der Täter ist. Wenn man das dann vor der Polizei im Film rausgefunden hat – das schafft Befriedigung. Da kommen wir uns dann alle ziemlich clever und smart vor.“

„So ist es. Daher möchte ich, dass Sie mir regelmäßig Bericht erstatten und mich über den Entwicklungsprozess auf dem Laufenden halten.“

„Sie können sich auf mich verlassen, Herr Geschäftsführer. Ich werde Ihnen täglich den Status der Gruppe schildern.“

„Danke, das freut mich.“ Der Geschäftsführer legte zufrieden die Hände auf seinen Bauch. Dann beugte er sich über den Schreibtisch und sprach leise, fast flüsternd: „Es gibt aber noch ein kleines, aber sehr wichtiges Detail, dass ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.“

„Und das wäre?“

„Es geht unserem Unternehmen nicht nur um die Frage, wie sich die Gruppe als solche entwickelt. Ich will es Ihnen ganz offen sagen: Das eigentlich wichtige sind Sie, und die oberste Priorität ist Ihr Verhältnis zur Gruppe. Sie geben zwar erst mal nur den Filmvorführer, aber letztlich leiten Sie eine Gruppe in einem hochkomplexen wissenschaftlichen Experiment. Bedenken Sie, dass für Ihre Zukunft viel vom Ausgang unserer hier durchgeführten Forschungen abhängt.“

„Ja, natürlich, Herr Geschäftsführer. Ich bin mir meiner Verantwortung durchaus bewusst.“

„Sehr gut. Also dann…“ Er nahm sein Monokel ab, stand hinter seinem massiven Schreibtisch auf und gab damit zu erkennen, dass die Unterredung hiermit beendet war. Der Filmvorführer erhob sich ebenfalls und streckte dem Geschäftsführer die Hand über den Tisch zu.

„Also, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. Auf weiterhin gute Zusammenarbeit, Herr Geschäftsführer.“

„Jaja, schon gut.“ Der Geschäftsführer erwiderte die Geste, und mit einem Blick zur Tür wies er dem soeben Verabschiedeten den weiteren Weg. Als der Filmvorführer gerade den Raum verlassen wollte, hakte der Geschäftsführer noch mal nach.

„Was ist denn heute dran?“

„Äääh, wie meinen?“ Der Filmvorführer machte im Laufen eine Kehrtwende und schlug die Hacken zusammen.

„Meine Frage war, was heute dran ist?“

„Ich … ich fürchte, ich verstehe nicht ganz, Herr Geschäftsführer“

„Der Film. Welches Thema ist heute Gegenstand des Filmes?“

„Ach so … ja … äääh… Moment. Also …“ Er zog einen Zettel aus der Hosentasche. Es war die Trackliste des Filmes. Mit ausgestrecktem Zeigefinger fuhr der Filmvorführer das Papier von oben nach unten ab.

„ ….November …. Dezember … aaaalso  … eins … zwei … drei …..
aah, hier. Vierter Dezember: Auf der Litfaßsäule findet er mehrere Graffitis und Schmierereien.“

„Und was steht da so drauf? Ich meine, inhaltlich?“

„Ach, das sind ganz verschiedene Sachen.
Solche Sätze wie
‚Separatisten aller Länder, vereinigt euch!‘
zum Beispiel. Oder:
Weret den Ahnfängern
… und:
Jesus loves you – but the rest of the world knows that you are a jerk.‘
… aber auch sowas:
Tod allen Fanatikern’.

„Ah ja, sehr schön. Und der Kalendereintrag?“

„Ääähm, Todestag des amerikanischen Rockmusikers Frank Zappa.“

„Frank Zappa? Ihr Hobbyschriftsteller in dem Film hat aber ein ganz schön breites Spektrum, was?“

„Oh ja, ich staune manchmal auch. Und er schreibt in seinem Buch ja eigentlich nur über die Künstler, die ihn schon sein Leben lang begleiten. Na ja, allzu lange wird das dann ja wohl nicht mehr sein,
ha-ha-ha-ha habe ich mir gedacht. Aber Scherz beiseite: Frank Zappa darf auf solch einer illustren Liste ja einfach nicht fehlen, finde ich.“

„Sie mögen Zappa?“

„Oh, ääähm … ich … ich kenne gar nicht so viel von ihm … eigentlich nur wenig … also, sehr wenig … aber ich weiß, dass er musikalisch als sehr bedeutend erachtet wird, auch wenn sich viele Zuhörer gerade in den USA über die ihrer Meinung nach manchmal sehr obszönen Texte erregt haben.“

„Ja, das war so. Aber Zappa hatte halt dasselbe Problem, das jedes Genie mit sich herumträgt und an dem manche auch zugrunde gehen.“

„Und das wäre?“

„Er war seiner Zeit einfach viel zu weit voraus.“