Kapitel 30

12. Dezember

Ja, mit Viktor konnte man solche Dinge wie gestern am Telefon besprechen.
Außerdem war ihnen beiden ein sehr ähnlicher, skurriler Humor zu eigen. Früher, als sie noch zusammen im Theater gearbeitet hatten, haben sie manchmal die Verwunderung ihrer Mitmenschen hervorgerufen, als sie während des Einlasses beim Kartenabriss singend und rhythmisch klatschend das Gehabe von Fußballfans im Stadion imitierten. Allerdings waren dabei nicht die umgedichteten Volkslied-Texte der Sportbegeisterten zum Einsatz gekommen, sondern ihre eigenen Textänderungen. Viktors Idee war ebenso einfach wie brillant: was wäre denn, wenn statt von Fußballern und Vereinen nun plötzlich begeistert von Philosophen gesungen würde? Ganz einfach: zur Melodie von ‚Michael row the boat ashore‘ sangen sie voller Inbrunst ‚Und wir haaaben ein Idol: Fried-rich Niiiiiietz-sche‘, und die Vereinshymne des FC Bayern interpretierten sie als ‚Jean-Paul Saaaartreee – forever number one‘. Der Schlachtruf zum DFB-Pokalfinale hieß bei ihnen ‚Sorbonne, Sorbonne, wir fahren zur Sorbonne‘, und zusätzlich skandierten sie ‚Hier – regiert – der – Kier – ke – gaard!‘

Ja, das wäre mal was – wenn Philosophie auf ebenso große Resonanz träfe wie der allgegenwärtige Fußball. Während er so sinnierte, begann er seine Aufzeichnungen zum heutigen Tag:

Der 12. Dezember ist der Todestag von Joseph Heller. Auch wenn ich nur ein einziges Buch von ihm gelesen habe, so hat mich dieser Roman in meinem Denken doch geprägt wie kaum ein zweiter: ‚Catch 22‘. Hellers Debüt verarbeitete seine eigene Vergangenheit als Bomberpilot im zweiten Weltkrieg und schien auf den ersten Blick nur ein weiterer Anti-Kriegsroman zu sein. Beim genaueren Betrachten allerdings entpuppte sich das Buch als eine bitterböse Satire auf jegliche Form der Hierarchie: Eine Gesellschaftsstruktur, die nicht von den Kompetentesten, den Intelligentesten und den Höchstentwickelten geführt wird, sondern von den Unfähigsten, den Dümmsten  und den Rücksichtslosesten dominiert wird, ist mehr als nur verabscheuungswürdig: es ist ein Alptraum für die Untergebenen. In den unsäglichen Familienunternehmen, in denen er in seiner Zeit als Angestellter arbeitete oder in die er durch verwandtschaftliche Verhältnisse Einblick hatte, war diese perfide – wie Nietzsche wohl sagen würde – Umwertung aller Werte auf ihrem traurigen Höhepunkt angekommen: unfähige, ignorante und arrogante Kleingeister konnten aufgrund ihrer Familienzugehörigkeit und der daraus resultierenden, nicht auf Fach- oder Sozialkompetenz beruhenden Macht auch die talentiertesten, motiviertesten und höchstqualifiziertesten Angestellten zur Kapitulation bringen. Merke: Wo Macht mit Dummheit gepaart wird, ist es um Verstand und Vernunft nicht gut bestellt.

Joseph Hellers Buch prangerte jedoch nicht nur die Perversion des Krieges und die krankmachende Wirkung von sinnlos geordneten Hierarchien an, sondern wandte auch noch eine höchst kunstvoll zelebrierte Form von aus den Fugen geratener Logik an: An sich Widersprüchliches wurde durch rücksichtslos ausgeübte Autorität nur auf den ersten Blick nachvollziehbar, und der noch verbliebene Rest von Anstand und Würde wurde mit den Mitteln des Sophismus rücksichtslos der Lächerlichkeit preisgegeben: scheinbar logische Argumente, die sich als intellektuelle Fehlschlüsse entpuppen. Dieser Paralogismus war so täuschend echt inszeniert, dass man ihn glatt mit dem authentischen Geschehen verwechseln konnte. Der Trick liegt darin, dass nur der Fehlschluss selbst falsch ist – die Ausgangslage und sogar das Ergebnis können durchaus korrekt sein.

Catch 22 war 1970 unter der Regie von Mike Nichols verfilmt worden, und die Rolle des General Dreedle wurde von Orson Welles verkörpert worden, während…

Moment!
Nichols?
Welles??
Hatte ich das nicht schon mal???

Er begann, in seinen Aufzeichnungen rückwärts zu recherchieren. Das seltsame Wirrwarr aus handgeschriebenen Zetteln, mit der Schreibmaschine verfassten Blättern und auf dem Computer vorhandenen Dateien wäre für andere wahrscheinlich ein heilloses Durcheinander gewesen: er hingegen fand sich schnell zurecht und wurde auch fündig: Welles hatte er am 23. November im Zusammenhang mit Klaus Kinski erwähnt sowie am 02. Dezember als Rezitator von Edgar Allan Poe notiert, und Mike Nichols‘ Todestag am 19. November war ihm ebenfalls einen Eintrag wert gewesen.

Ernüchterung machte sich breit. Ist meine Weltsicht denn wirklich so klein, dass ich immer wieder auf dieselben Künstler zurückkomme? Oder habe ich möglicherweise selbst nicht verstanden, dass das von mir erdachte System noch eine eigene, ganz andere Logik hat?

„Ja, eine sehr gute Frage. System und Logik – zwei Begriffe, die wir immer wieder verwenden. Doch was bedeuten sie überhaupt?“ Der Direktor schien nur zwei Mitteilungsformen zu kennen: klare Anweisungen im Imperativ und anregende Aufgaben in Frageform. Üblicherweise erwartete er auf seine Fragen die Antworten von seinem Gegenüber, und so blickte er auch jetzt mit weit geöffneten Augen erwartungsvoll in die Runde. Dort saßen die zwar hoch qualifizierten, aber von der strengen Führung des Direktors sichtlich eingeschüchterten Spezialisten. „Meine Damen und Herren, keine Angst – ich werde Sie nicht beißen, wenn Sie einen fehlerhaften Beitrag zu unserem Projekt leisten. Ich werde Sie vielleicht degradieren, ich werde Sie möglicherweise vor dem gesamten Team bloßstellen, eventuell werde ich Sie auch einfach nur feuern. Aber beißen – beißen werde ich Sie nicht. Also?“

„Herr Direktor, eine Anmerkung möchte ich mir erlauben.“ kam es von einer Frau aus den hinteren Reihen. „Ich höre“ gab der Direktor postwendend zurück. „Wir haben bisher noch nicht die drei Fragen beantwortet, die Sie uns letzte Woche, am 07. Dezember gestellt haben. Daher wollte ich fragen…“

„Ich stelle hier die Fragen!“ platzte der Direktor der Frau ins Wort, „Verstehen Sie? Wer fragt, der führt das Gespräch. Alles andere ist bestenfalls mitlaufen, andernfalls hinterherlaufen. Wir werden mit unserem Projekt aber nicht hinterherlaufen, sondern uns an die Spitze der Forschung stellen. Ich erwarte daher von Ihnen, dass Sie meine Fragen beantworten. Also: wie heißen Sie?“

„Mein Name ist Bytes, Herr Direktor.“

„Bytes? Eine Programmiererin namens Bytes? Soll das ein Witz sein?“

„Nein, Herr Direktor, natürlich nicht. Es ist halt mein Name.“

 „Naja, Bytes, immerhin hatten Sie als einzige die Courage, sich überhaupt zu Wort zu melden. Die Fragen der letzten Woche nach dem Fehler im Ablauf und allem, was daraus resultiert, sind noch offen, das stimmt. Zwar hatte ich erwartet, dass jemand mittlerweile mit den Antworten aufwarten kann, aber da werde ich mich wohl noch etwas gedulden müssen, was? Das könnte mir egal sein – ich kenne ja die Lösung.  Zugegeben, es sind schon schwierige Fragen, und gerade die erste Antwort findet sich in einem kleinen Detail. Dennoch es ist doch schon ein wenig verwunderlich, dass keiner von Ihnen hier bisher einen konstruktiven Beitrag leisten konnte – noch nicht einmal eine Idee, und das nach mittlerweile fünf Tagen.  Aber zurück zu meinen heutigen Fragen: System und Logik – was bedeuten diese Begriffe?“ Die Doktorandin meldete sich zu Wort.

„System ist ein wissenschaftliches Schema, ein Lehrgebäude quasi. Ein Prinzip, nach dem etwas gegliedert oder geordnet wird.“

„Ja, sehr gut. Und die Logik?“

„Logik meint die Folgerichtigkeit des Denkens und die Wissenschaft von der Struktur, den Formen und den Gesetzen des Denkens.“

„Alles korrekt“, erwiderte der Direktor. „Hat noch jemand einen Definitionsvorschlag?“ Nun meldete sich Bytes wieder zu Wort:

„Innerhalb der Logik bezeichnet der Begriff System die Menge von Zeichen, die nach bestimmten Regeln zu verwenden sind.“

„Hervorragend, Bytes. Sie haben die beiden Begrifflichkeiten perfekt miteinander verbunden.“ Nun schien der Direktor wieder etwas weniger unwirsch zu sein. „Sie werden möglicherweise überlegen, weshalb ich Ihnen dauernd Fragen stelle. Die Antwort ist einfach: ich möchte, dass Sie selbst denken. Ich will vermeiden, dass Sie in unserem Projekt nicht aktiv integriert sind. Wenn man sich die Lösung eines Problems selbst erarbeitet hat, bleibt der Erkenntnisgewinn größer, als wenn Sie nur den Lösungsansatz einer Kollegin oder eines Kollegen übernehmen und dabei vielleicht gar nicht in die Tiefe der Materie eingedrungen sind, die notwendig gewesen wäre, um die Problemstellung in ihrem ganzen Umfang zu erkennen. Dementsprechend könnte dann ihr Lösungsvorschlag auch nur einen Teil des Problems lösen, und ein kleiner Fehler schleppt sich durch das restliche Programm. Wenn Sie Glück haben, bleibt es ein kleiner Fehler – was schon schlimm genug wäre, denn auch ein kleiner Fehler ist ein Fehler. Wenn Sie allerdings Pech haben, dann ist der kleine Fehler an einer Stelle, von der aus er großen Schaden anrichten kann, denn alle auf dem Fehler basierenden weiteren Schritte sind ja auch fehlerbehaftet, da diese Schritte ja auf einer Fehlannahme aufbauen. Also: ich dulde keine Fehler im Programm.“