Kapitel 32

14. Dezember

Der Film wurde wieder gestartet. Man sah, wie jemand in Stichworten notierte:

„14. Dezember. Todestag Friedrich Dürrenmatt. Schweizer Schriftsteller und Dramatiker. Auch Maler. Sehr eigene Definition bezüglich Verhältnis Komödie/Drama. Lebte anfangs mit Frau und fünf Kindern äußerst bescheiden. Durchbruch und finanzieller Erfolg dann mit ‚Der Besuch der alten Dame‘. Hauptwerk: ‚Die Physiker‘.“

Nun hielt er kurz inne. Dieses Theaterstück war es, weswegen er Dürrenmatt in seinen persönlichen Pantheon aufnahm. Das 1962 uraufgeführte Werk spielte in einer privaten psychiatrischen Klinik, in der drei Physiker als Patienten leben. Einer der drei hatte etwas Bahnbrechendes entdeckt, das allerdings auch dazu angetan war, den gesamten Planeten zu zerstören. In ‚Die Physiker‘ stellt sich somit die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft und ihrer Errungenschaften gegenüber der Menschheit.

Stop.

Schon wieder.

Diesen Gedanken hatte ich doch bereits am 05. Dezember notiert, fiel ihm auf. Es musste etwas damit auf sich haben, dass er sich wieder und wieder mit dieser Idee konfrontiert sah. Hatte er – willentlich oder zufällig – Dürrenmatts Frage nach der Verantwortung bei seinen Aufzeichnungen zu Heisenberg nicht im Sinn gehabt? Zumindest nicht bewusst, also vielleicht unbewusst, auf gar keinen Fall willentlich, und die Klassifizierung als ‚zufällig‘ kam ihm höchst unwahrscheinlich vor. Konnte es so etwas überhaupt geben – Zufall? Oder ist der Glaube an Zufälle nur eine Kapitulation vor der nicht in ausreichendem Maße vorhandenen Einsicht in kausalen Determinismus?

Er schrieb weiter: In ‚Die Physiker‘ gab es keinen Zufall, und wie von Dürrenmatt in seinen ’21 Punkten‘ überliefert war, musste alles immer in der dramaturgisch notwendigen, schlimmstmöglichen Wendung enden.

Das erinnerte ihn an seinen ehemaligen Arbeitskollegen B, nach dessen Ansicht sich auch immer alles zum Schlimmstmöglichen wendete. Oft hatte er mit B schon frühmorgens, noch bevor alle anderen in der Agentur erschienen waren, Grundsatzfragen des Menschseins besprochen. Oft hatte er bei diesen Gesprächen versucht, der vermeintlich allzu negativen Sicht des Kollegen auf das Leben einen erhellenden Moment hinzuzufügen. Oft waren ihren Gesprächen scheinbar gar kein Ergebnis beschieden, aber allein der geistreiche Diskurs war den Aufwand wert. B hatte unter anderem Philosophie studiert und arbeitete nun als Werbetexter – eine leider allzu häufig anzutreffende Kombination, denn Geisteswissenschaftler konnten nur in seltenen Fällen auch tatsächlich ihren Lebensunterhalt in dem Fachgebiet verdienen, für dass sie ausgebildet worden waren. Daher war sein Gedankenaustausch mit B oft ein herrlich schräges Potpourri aus sprachwissenschaftlicher Ambition, akademischer Argumentation und banalem C-Promi-Trash. An eine ältere Episode konnte er sich noch gut erinnern:

Einmal hatte B die niederländische Fernsehmoderatorin Sylvie van der Vaart, die einige Jahre mit dem Profi-Fußballer Rafael van der Vaart verheiratet gewesen war, als „Ex-Spieler-Frau“ tituliert und dadurch sofort den Einspruch des Kollegen Tontechniker heraufbeschworen.

„Ex-Spieler-Frau ist doch eine völlig falsche Titulierung“, hatte B sich anhören müssen, und auf Nachfrage wurde ihm auch erläutert, woran die Formulierung ‚Ex-Spieler-Frau‘ krankte: „Da das ‚Ex‘ bei der Benennung Ex-Spieler-Frau ja am Wortanfang steht, würde das ja bedeuten, dass Rafael van der Vaart ein Ex-Spieler wäre und daher seine Karriere bereits beendet hätte, was ihn zum Ex-Spieler machen würde. Dem ist aber nicht so. Außerdem würde es implizieren, dass Sylvie van der Vaart immer noch mit Rafael van der Vaart verheiratet wäre, was ja bekanntermaßen ebenfalls nichtzutreffend ist.“ Der weit geöffnete Mund, der starre Geradeaus-Blick und die schlagartig eingetretene Sprachlosigkeit seitens B vermittelten ihm, dass der Kollege B die Art und den Umfang der Nomenklatur-Kritik noch nicht zur Gänze erfasst hatte. Dann hakte B mit leiser Stimme nach:

„Ja, und wie müsste man die Frau dann korrekterweise benennen?“

„Na, ganz einfach: Sylvie van der Vaart ist die Spieler-Ex-Frau, denn Rafael van der Vaart spielt ja immer noch Fußball, aber die Ehe mit Sylvie van der Vaart ist beendet. Daher: streiche Ex-Spieler-Frau. Man verwende also bitte Spieler-Ex-Frau.“

„Aaah ja, ich denke, es ist so, wie du sagst.“ B nickte langsam mit dem Kopf, und er fuhr fort: „Falls Rafael van der Vaart dann dereinst seine aktive Fußballkarriere beendet haben wird, würde Sylvie dann dadurch zur Ex-Spieler-Ex-Frau mutieren, ja?“

„So ist es.“

„Dann hätten wir das ja auch geklärt“, fügte B hinzu und wollte gerade den Raum verlassen.

„Das ist aber noch nicht alles, B“ wurde ihm noch beschieden. „Es ist nämlich so, dass Rafael van der Vaart wieder eine neue Partnerin hat. Sollte er mit dieser Frau noch zusammen sein, wenn er einmal seine Fußballschuhe an den Nagel hängen wird, dann ist diese Frau korrekterweise zu bezeichnen als Ex-Spieler-Frau.“ Bs Gesicht hellte sich auf.

„Ja, genau. Und sollte Rafael van der Vaart sich dann nach vollzogenem Karriere-Ende von dieser Frau trennen, so wäre auch hier der zu verwendende Terminus ‚Ex-Spieler-ex-Frau‘, richtig?“

„Ja, wir verstehen uns. Und sollte Rafael van der Vaart nach erfolgter Trennung von dieser Frau anschließend zu Sylvie zurückkehren, da er ja jetzt als Fußballer im Ruhestand genug Zeit dafür hätte, dann – und erst dann – wäre Sylvie van der Vaart auch korrekt zu benennen als ‚Ex-Spieler-Frau‘, so wie du das ja eingangs bereits etwas voreilig getan hast.“ Nun lag ein Lächeln auf den Gesichtern der beiden. Sprachliche Präzision erfordert eben auch geistige Mitarbeit.

„Aber zurück zu Dürrenmatt“, warf der Filmvorführer ein. „Dem Autor wurde der Ausspruch zugeschrieben: ‚Was einmal gedacht wurde, kann nicht wieder zurückgenommen werden.‘ So betrachtet müssten die Überlegungen unseres Hauptdarstellers zum Thema Verantwortung von enormer Tragweite sein; ja, es ist sogar denkbar, dass sie eine Kettenreaktion auslösen könnten, bei der…“

In diesem Moment unterbrach der Filmvorführer seinen Redefluss, denn die Tür des Kinosaales war mit unüberhörbarem Getöse brachial geöffnet worden, und das gesamte Publikum drehte erschrocken die Köpfe nach hinten. Zwei groß gewachsene, stattliche Männer in weißen Kitteln traten ein. „Darf ich Sie fragen, weshalb Sie unsere Sitzung hier unangekündigt in so grobschlächtiger Art und Weise stören?“ warf der Filmvorführer den rasch voranschreitenden Hünen lautstark entgegen, die sich mit strammen Schritten durch das Publikum geradewegs auf ihn zu bewegten. Selbst überrascht von seiner forschen polemischen Zurechtweisung der Eindringlinge, verließ ihn beim Anblick der beiden immer näherkommenden wortkargen Männer dann aber doch der Mut. Er fuhr mit nun leiser und zittriger Stimme fort. „Also … ääähm… ich meine, ich muss doch sehr bitten. Also, ich würde Sie gerne bitten. Bitte könnten Sie etwas leiser lärmen, ich meine, vielleicht nur ein wenig mehr, also mehr weniger, ich meine natürlich…“ Die beiden Eindringlinge, die wie ein Faktotum und dessen Adjutant wirkten, stoppten vor dem Rednerpult, an dem der Filmvorführer wie immer Platz genommen hatte. Einer der beiden Männer schritt auf den Filmvorführer zu, zog ein Blatt Papier aus der mitgebrachten Aktentasche und hielt es dem Filmvorführer direkt vor die Augen. Dieser blickte zunächst verängstigt die beiden an und begann leise zu lesen. „….mmmhmhmm…. bsbsbmmmhhmm …. was soll das heißen?“ Die beiden Botschafter verzogen keine Miene und machten keinerlei Anstalten, ihm zu antworten. Also las er weiter: „…ist mit sofortiger Wirkung die Filmvorführung zu beenden.“ Er schluckte, fasste sich ein Herz und unternahm noch einen Frageversuch: „Aber wieso das denn?“ Wieder keine Antwort. Nur ein Fingerzeig auf den unteren Rand des Blattes. „Unterzeichnet von … von unserem Geschäftsführer? Nun, … also … dann …“  Jetzt wandte er sich mit wieder etwas lauterer, aber immer noch unsicherer Stimme an das Publikum. „Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Wir, äähm, sehen uns dann morgen wieder… tja… oder übermorgen … oder so…. oder vielleicht auch gar nicht mehr.“