Kapitel 33

15. Dezember

„Also, ich wiederhole: keine Fehler im Programm – Sie haben alle die Ansage des Direktors zur Kenntnis genommen. Mittlerweile ist unser Team fast vollständig hier versammelt, und wir erwarten in Kürze die Ankunft des einzig noch fehlenden Mitarbeiters dieses Projekts. Wir werden diese Zeit darauf verwenden, dass Sie noch ein paar Erläuterungen zum weiteren Vorgehen erhalten, bevor wir dann in die praktische Phase eintreten werden. Ich übergebe daher an den Leiter unserer Arbeitsgemeinschaft. Bitte sehr, Herr Direktor.“

„Danke für Ihre Einführung, Herr Geschäftsführer. Unser Projekt vereint zwei hochrangig besetzte Expertengruppen, bestehend aus den Kollegen in meiner Berufssparte – den IT-Spezialisten mit Hardware-Fachkräften und Software-Programmieren – sowie einer Gruppe von Spezialisten aus den Bereichen der Neurobiologie, der Psychologie, der Linguistik und der klinischen Psychiatrie. Um sie nicht länger auf die Folter zu spannen, möchte ich Ihnen jetzt die Vorgehensweise unseres gemeinsamen Projektes erläutern:

Wir werden parallel in zwei Gruppen arbeiten, allerdings nicht nach den Sachgebieten IT und Psyche getrennt, sondern jeweils transdisziplinär, also jeweils paritätisch besetzt mit den Vertretern der humanen und der elektronischen Gehirne. Ziel ist die Verschmelzung der beiden Ebenen, ähnlich wie in dem Beispiel des bedauerlichen querschnittsgelähmten Mr. Burkhart, das wir letzte Woche sehr anschaulich präsentiert bekommen haben.  Unser Ziel ist es jedoch, weit über diese Ergebnisse hinauszukommen: zum einen ist es die Aufgabe unserer Psyche-Spezialisten, sämtliche kognitiven und emotionalen Bewusstseinsinhalte der Probanden zu lokalisieren, zu definieren und dann zu katalogisieren: Wünsche, Ängste, Freuden, Ärger und so weiter – das ganze Spektrum eben. Hier ist dann auch die Schnittstelle zur IT-Abteilung: die gemessenen Hirnströme werden in digitale Impulse gewandelt und an einen zentralen Computer weitergeleitet, wo diese Informationen dann gespeichert werden. Gibt es bis hierhin Fragen?“

Eine junge Frau meldete sich zu Wort: „Herr Direktor, ich möchte unserem ambitionierten Ziel ja nicht zu nahetreten, aber: wie Sie selbst sagten, ist das ja bereits Status quo. Worin liegt nun das Neue in unserer Aufgabe?“

„Ja, unsere Doktorandin hat gut aufgepasst: Das ist natürlich noch nicht die ganze Geschichte. Zum einen werden wir natürlich nicht mit altmodischen Chips im Kopf der Probanden Hirnströme messen oder mit klobigen Sensoren am Unterarm herumhantieren. Unsere Vorgehensweise ist wesentlich … will sagen: weniger offensichtlich. Natürlich wollen wir mit den Ergebnissen unserer Forschung weit mehr erreichen, als dass jemand eine Kreditkarte durch ein Lesegerät ziehen kann. Zum anderen gibt es darüber hinaus noch eine zweite Ebene unserer Arbeit, die ich hier und jetzt als nicht mehr und nicht weniger titulieren möchte als einen kollektiven Bewusstseinssprung: historisch eigentlich nur vergleichbar mit den ganz großen Momenten der Evolution.“

Ein Raunen ging durch den Saal, und die sonst so nüchternen und abgeklärten Wissenschaftler sowohl aus dem technischen Sektor als auch aus dem Humanbereich der Wissenschaft waren nun in eine Erwartungshaltung der Vorfreude geraten. Es herrschte ein Tuscheln und Flüstern im Raum, wie man es sonst eigentlich nur von den unsäglichen Casting-Shows des Privatfernsehens im Moment kurz vor der Verkündung des Gewinners kannte.

„Ich verstehe ja ihre Neugier und Aufgeregtheit,“ fuhr der Direktor fort, „und um im Bild der Evolution zu bleiben und Ihnen die Tragweite unseres Projektes zu veranschaulichen, möchte ich Sie bitten, sich folgendes vorzustellen: Unsere Arbeit beginnt ja nicht bei ‚Null‘, das heißt im übertragenen Sinne, wir vollziehen nicht den Schritt von der toten Materie zum Leben. Auch in unserem Aufgabengebiet ist schon einiges vorgegeben, und dennoch kann unser Tun einen Zugewinn von noch nicht absehbarer Tragweite haben. Was wir bewerkstelligen wollen, kann man evolutionshistorisch vergleichen mit dem bahnbrechenden Moment, als das Leben aus dem Wasser ans Land kam. Stellen wir es uns einmal der Einfachheit halber so vor: der Schritt vom Leben im Wasser zum Leben an Land sei an einem einzigen Tage geschehen:

Ein kleiner, unbedeutender Fisch wird durch eine Welle ans Land gespült und bleibt dort liegen. Das armselige Tier hat nun genau drei Möglichkeiten, mit seiner misslichen Lage umzugehen: entweder es resigniert, weil es – gemäß der Beschränktheit seines Bewusstseins als Fisch – sich nun plötzlich in völlig lebensfremde Bedingungen geworfen sieht, will heißen: in eine absolut lebensgefährdende Umgebung für ein Wesen der Gattung Fisch: mit den Flossen schlagen bringt jetzt nichts mehr, damit ist eine Fortbewegung an Land zurück ins Wasser nicht mehr möglich. Auch die Fähigkeit zur Atmung mittels Kiemen erweist sich als unbrauchbar: hier und jetzt an Land besteht auf diese Art und Weise keine Überlebenschance. Der Fisch würde im ersten Fall sich also seiner hoffnungslosen Lage bewusst, und aufgrund seiner Ohnmacht gegenüber den schlagartig veränderten Umständen und seiner eigenen Unfähigkeit, über den Moment hinaus zu denken, resigniert liegen bleiben und in kürzester Zeit sterben. Für die anderen im Wasser verbliebenen Fische wäre er einfach nur ein auf unbekannte Weise verschwundener Fisch, dessen Abwesenheit innerhalb kürzester Zeit in Vergessenheit geriete, da die anderen Mitglieder aus seinem Schwarm ja permanent mit dem eigenen Überleben vollauf beschäftigt wären.

Im zweiten Fall ist sich der an Land geworfene Fisch der Aussichtslosigkeit seiner Situation ebenfalls bewusst, entscheidet sich aber nicht für die Resignation und das damit sichere Sterben, sondern er setzt all seine Hoffnung auf eine weitere Welle, die ihn binnen kürzester Zeit wieder ins gewohnte Wasser zurück spülte und damit das Leben – so wie er es kennt – weiterhin ermöglichen würde. Setzen wir einmal voraus, dass der Fisch über eine wie auch immer geartete Form der Kommunikation mit den anderen Fischen verfügte, dann könnte er seinen Artgenossen nach dem Zurück-gespült-werden doch Erstaunliches mitteilen, Dinge wie: ‚Es gibt noch eine Welt außerhalb des Wassers! Sie ist hart und fest, und sie ist so ganz anders als diese unsere Welt‘. Oder der Fisch würde kundtun: ‚Ich habe etwas wahrgenommen, was oberhalb der harten und festen Welt war. Es war ganz weich, kaum greifbar, und trotzdem konnte ich es spüren. Es war schier endlos, so wie unsere Welt hier, und trotzdem ganz anders ….‘ Die Beschreibungen des zurückgekommenen Fisches von Erde und Luft wären für die im Wasser verbliebenen Fische völlig unverständlich; keiner von ihnen konnte eine Vorstellung davon haben, was der erst weg- und dann zurückgespülte Fisch denn da mitteilte, also würden sie ihn angesichts ihres eigenen beschränkten Wissenstandes als völlig verrückt gewordenen Herumtreiber geißeln oder – auch denkbar – ihn als wiedergekehrten Erlöser feiern, der das Reich des Todes überwunden hätte und nun zu ihnen zurückgekommen sei, um allen die frohe Botschaft zu überbringen.“

Kichern und Schmunzeln machte sich im Raum breit. „Ja, Sie lachen vielleicht, aber dennoch sollten wir als Wissenschaftler immer auch das noch so Unwahrscheinliche in unsere Überlegungen mit einbeziehen. Aber Spaß beiseite: Entschiede sich der Fisch nach seinem unbeabsichtigten Landgang für Möglichkeit zwei – also statt der Resignation auf eine wundersame Rettung zu hoffen – dann wäre es aller Voraussicht nach so, dass er vor dem Eintreffen der lebensrettenden nächsten Welle längst erstickt, verhungert oder von der Sonne ausgetrocknet worden wäre, da diese Welle entweder für ihn viel zu spät, vielleicht aber auch gar nicht käme.

Betrachten wir also Möglichkeit drei, und das ist – mit Verlaub – die Variante, an der ich die Parallelen zu unserem Projekt hier sehe: der von mir erdachte Fisch liegt also an Land; für einen Moment ist er verständlicherweise geschockt, denn nichts von alledem, was er bisher für das Leben und seine Umwelt hielt, ist mehr so wie er es gekannt hatte. Und nicht nur das – zu alledem ist er auch noch ganz allein. Zum Gefühl der Entfremdung kommt also auch noch die Urangst des Allein-gelassen-Werdens hinzu. Nun kommt aber der entscheidende Unterschied: der Fisch entscheidet sich weder wie im ersten Beispiel zur Resignation noch baut er wie im zweiten Beispiel seine Hoffnung auf jemand anderen oder etwas anderes, sondern er akzeptiert seine Lage klaglos und macht sich sofort an die Lösung der ihm gestellten Aufgabe: er zetert nicht ob der Unbrauchbarkeit seiner Kiemen, sondert wandelt diese in Lungen um. Statt die Nutzlosigkeit seiner Flossen zu bedauern, lässt er sich Füße wachsen, um sich damit in seiner neuen Umwelt fortbewegen zu können. Kurzum: er nimmt die Herausforderung an und stürzt sich in dieses fantastische Abenteuer mit völlig ungewissem Ausgang, und es ist ihm nahezu unerklärlich, warum er für diese Daseinsform immer noch dieselbe Begrifflichkeit verwenden sollte wie zu seiner Zeit als Fisch: das Leben.

Ginge dieses neue Wesen – nennen wir es mal Amphibie – nun zurück ins Wasser und würde dort dem Fischschwarm, dem er einst angehörte, von seiner Transformation erzählen, so könnten diese ihn wohl nicht mehr verstehen. Begriffe wie Lunge, Füße, Luft und Land wären den Fischen völlig unverständlich, da diese Termini keinen Bezug zum physischen und psychischen Lebensraum der Fische hätten. Um es mit Wittgenstein zu sagen:

’Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt – meiner Sprache, meiner Welt’.

Nun nahm der Direktor die Brille ab. Er formte die andere Hand zu einer Faust, und mit lautstarker und bebender Stimme reckte er die Faust nach oben und rief:

„Und daher sage ich Ihnen: Lassen Sie uns an Land gehen! Lassen Sie uns an die Arbeit gehen und dafür sorgen, unseren Lebensraum entscheidend zu erweitern. Lassen Sie uns gemeinsam die nächste Stufe des kollektiven Bewusstseins erklimmen, und lassen wir uns dabei nicht von den törichten Fischen aufhalten, die unsere Transzendenz von ihrem eigenen Zustand auf eine höher gelegene Daseinsform so oder so nicht verstehen können. Lassen Sie uns nicht zurückblicken. Lassen Sie uns beginnen!“

Tosender Applaus brauste auf, und der mitreißende Vortrag des Direktors wurde mit standing ovations goutiert.
Während sich der Direktor noch artig vor den begeistert klatschenden Mitarbeitern verneigte, ging nahezu unbemerkt die im hinteren Bereich des Saales gelegene Eingangstür auf –
leise, langsam und vorsichtig. Dann trat der letzte noch fehlende Mitarbeiter in den Raum.

Er saß zu Hause, unentschlossen und daher auch unzufrieden. Wen sollte er am heutigen 15. Dezember mit einem Eintrag in seine Notizen erwähnen?

Den an diesem Tag im Jahr 1890 ermordeten Indianerhäuptling Sitting Bull? Er hatte großen Respekt vor den nativen Ureinwohnern Nordamerikas, aber die geschmacklose Verkitschung in schlechten Hollywood-Filmen war ihm ebenso unangenehm wie die scheinheilige Verklärung europäischer Möchtegern-Aussteiger, die das ach-so-ganzheitliche Leben der Indianer im vermeintlichen Einklang mit der Natur auf peinlichste Art beweihräucherten.

Oder den im Jahr 1907 geborenen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer? Für Architektur hatte er sich immer interessiert – wahrscheinlich wegen der angewandten Geometrie und der Dreidimensionalität des Raumes. In seinen Urlauben nahm er sich immer gerne Zeit, sakrale Gebäude wie ungewöhnliche Kirchen und Kathedralen zu besuchen. Nicht, dass er erwartet hatte, dort Gott zu treffen – nein, es war eher die meisterhafte Architektur, die einige dieser Bauwerke aus vergangener Zeit für ihn attraktiv machten. Kein Zufall, denn die größten Baumeister ihrer jeweiligen Epochen waren meist auch mit Sakralbauten beschäftigt. Wer sonst außer den Kirchen hätte auch das Geld für solche gigantischen Projekte wie den Petersdom in Rom oder den Kölner Dom aufbringen können, an dem mehrere Jahrhunderte gebaut wurde? Profane Bauten waren da schon riskanter: waren dem weltlichen Bauherr die finanziellen Mittel  ausgegangen, mussten der Architekt und die Handwerker mitunter lange auf ihr Geld warten oder wurden gar nicht bezahlt. Bei der Kirche sah das auf den ersten Blick besser aus: Geld war meist genügend da – ob deswegen die Baumeister immer pünktlich oder vollständig bezahlt wurden, stand allerdings wieder auf einem anderen Blatt. Oscar Niemeyer hatte dieses Risiko nicht: sein größtes Projekt, die Planungen der öffentlichen Gebäude der damals neu entworfenen Hauptstadt Brasilia, wurden honoriert und mittlerweile sogar zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.

Er könnte heute auch den Geburtstag des US-amerikanischen Radio-DJs Alan Freed erwähnen, der die in den 1950er Jahren noch weit verbreitete Rassen-Segregation zumindest im Bereich der Moderation überwand und die neueste Musikform der schwarzen Bevölkerung, die auf Rhythm-and-Blues basierte, auch der weißen Hörerschaft an den Radios vorspielte. Da diese ungezügelte, energiegeladene und mit sexuellen Anspielungen gespickte Musik noch keinen eigenen Namen hatte, entlieh Freed kurzerhand ein Slang-Wort aus dem Blues Jargon, betitelte damit diesen bis dato unerhörten Sound und ging damit selbst in die Musikgeschichte ein:
Der ‚Rock and Roll‘ war geboren.