Kapitel 41

23. Dezember

Es war der Tag vor Heiligabend, und wie jedes Jahr am 23. Dezember schienen die Menschen vom ganz normalen Wahnsinn befallen zu sein: Einkaufen, Einkaufen und Einkaufen stand auf der Liste.

Er hingegen blieb zu Hause, und als er ins Auto einstieg, um es in die Garage zu fahren, ging beim Einstecken des Zündschlüssels das Radio an.

„… um einem wirklichen Ausnahmemusiker zum Geburtstag zu gratulieren. Er spielte in der Band von Frank Zappa, bei den Talking Heads und bei David Bowie. Am bekanntesten ist er allerdings als Sänger und Gitarrist von King Crimson. Von dieser Band hören wir nun den Song `Elephant Talk`, getextet und gesungen von Adrian Belew.“

Die Musik setzte ein, und da er mittlerweile in der Lage war, englische Worte simultan ins Deutsche zu übersetzen, hallte es durch seinen Kopf:

„Geschwätz, Geschwätz: Argumente, Auskünfte, Antworten, Artikulationen… Es ist nur Geschwätz … brabbeln, bespaßen, babbeln, bestreiten … es ist nur Geschwätz … “

Obwohl ihm das Lied schon seit Jahrzehnten bekannt war, fiel ihm nun zum ersten Mal auf, dass die Begriffe in der Strophe alphabetisch sortiert waren:

„ …Chats, Clichees, es ist nur Geschwätz … Debatten, Diskussionen, Dialoge, Deklamationen, es ist nur Geschwätz…“

Keine Frage: Adrian Belew wusste Bescheid. Wie sonst hätte er sonst solche Worte finden können für eine Sprache, die sich längst von ihrem eigentlichen Zweck verabschiedet hatte und zur degenerierten Form dessen wurde, was einmal Wissensaustausch gewesen war.

Ein paar Jahre nach King Crimsons „Elephant Talk“ subsumierte die amerikanische Sängerin und Performancekünstlerin Laurie Anderson die Pervertierung der Sprache mit dem Song „Language is a virus from outer space“. Sprache als außerirdischer Virus – das passt, dachte er sich.

„So, wenn ich dann bitte um Ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte.“

Der Direktor war heute zum ersten Mal nicht im weißen Kittel erschienen. Stattdessen war er komplett in schwarz gekleidet: Rollkragenpullover, enganliegende Hose und stylische italienische Schuhe verliehen ihm die unnahbare Aura eines französischen Philosophen existentialistischer Schule.

„Wir haben noch rund eine Woche Zeit, maximal natürlich. Die bisher vorhandenen Daten wurden in das System eingepflegt. Um unser Projekt erfolgreich zu gestalten, müssen wir von nun an praktisch durcharbeiten. Die beiden Gruppen unter der Leitung von Frau Doktor Starr und Herrn Professor Feder werden jeweils in 12-Stunden-Schichten abwechselnd unseren Großrechner mit allen ab jetzt gesammelten Informationen versorgen.

Unseren Möchtegern-Schriftsteller-Protagonisten werden wir nun nach und nach ausblenden. Wir haben nahezu alles über ihn, was wir an Information brauchen. Wir werden uns also seiner wahrscheinlich nur noch kommende Nacht und vielleicht einen Teil des morgigen Tages annehmen müssen, um den restlichen noch fehlenden Input zu erhalten und dann die Voraussetzungen zur Synchronisation aller beteiligten Ebenen zu erfüllen. Sobald dieser Punkt erreicht sein wird, geht unser Experiment in die entscheidende Phase. In unserer Projektablaufsteuerungssoftware ist eine sogenannte Cockpit-Funktion implementiert, mit der wir alle wichtigen Parameter auf einen Blick überprüfen können: bereits aufgewendete und noch benötigte Ressourcen, aktueller Status der Abwicklung, verschiedene Versionen des Programmcodes in seiner ursprünglichen Form sowie in den jeweils upgedateten Stadien, erledigte und noch offene ToDos aller Mitarbeiter und natürlich: die restliche noch verbleibende Zeit.“

Es war die Nacht zum Heiligabend, und er dachte an die restliche noch verbleibende Zeit. Schon seit Stunden hatte er heftige Kopfschmerzen, und kurz nach Sonnenuntergang legte er sich auf das Bett. Nicht ins Bett, denn das würde ja einem Signal zur Nachtruhe gleichkommen. Auf dem Bett – das fand er irgendwie passender.
Sechs Wochen wäre es morgen her, dass Dr. Hansen ihn mit der unerfreulichen Prognose konfrontiert hatte. Sechs Wochen mit je sieben Tagen – das macht 42 Tage, dachte er bei sich.

42 Tage.

42.

42!

Er fing an zu grinsen. 42? Das ist doch laut Douglas Adams die Antwort auf die Frage aller Fragen: der Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Ja, der gute Douglas Adams – den musste man einfach lieben … Leider ist der schon mit 49 verstorben.

Hmmm, ging es ihm durch den Kopf, eigentlich sind ziemlich viele hervorragende Künstler mit 49 Jahren gestorben. Jacques Brel zum Beispiel, der belgische Chansonnier. Auch sein Leben war von einer ständigen inneren Unruhe geprägt, und dennoch war diese Rastlosigkeit so etwas wie seine permanente Antriebskraft. Als er sich auf einer polynesischen Insel endlich zur Ruhe setzen wollte, verstarb er kurz darauf an Lungenkrebs. Mit 49 Jahren.

Oder Jackie Wilson: Der Soul-Sänger mit der ebenso kraft- wie gefühlvollen Stimme, die heute noch hin und wieder mit ‚Reet Petite‘ oder ‚Higher and Higher‘ im Radio zu hören ist, erlitt bei einem Konzert einen Herzinfarkt und stürzte so unglücklich kopfüber von der Bühne, dass er in ein Koma verfiel, aus dem er nicht mehr erwachte. Nach über 8 Jahren verstarb er, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben – ebenfalls im Alter von 49 Jahren.

Und – natürlich: auch Christa Päffgen aus Köln wurde im selben Alter aus dem Leben gerissen. Mit ihrem bürgerlichen Namen hätte sie in den USA wohl kaum Erfolg haben können. Daher legte sie sich für ihre Model- und Schauspielkarriere einen kurzen, einprägsamen und international klingenden Künstlernamen zu: Nico. Sie wurde als Nachfolgerin von Edie Sedgwick die Muse von Andy Warhol und schließlich Sängerin bei Velvet Underground. Nachdem Lou Reed ihren Rausschmiss aus der Band forcierte hatte, fand sie in dem ebenfalls bei Velvet Underground ausgestiegenen John Cale einen neuen musikalischen Unterstützer und persönlichen Freund. Als sie ihren jahrzehntelangen Drogenkonsum hinter sich gelassen hatte und endlich clean war, stürzte sie auf Ibiza vom Fahrrad und verstarb an einem durch diesen Unfall geplatzten Aneurysma. Alter: 49 Jahre.

Nicht zu vergessen: Laura Nyro. Die in New York City geborene Sängerin, Pianistin, Komponistin und Arrangeurin war die erste Musikerin im Rock-Business, die absolute künstlerische Freiheit bei der Produktion ihrer Aufnahmen eingeräumt bekam. Ihre Songs, die häufig von Takt- und Tempowechseln geprägt wurden, unterlegte sie mit komplett selbst eingesungenen mehrstimmigen Vokalpassagen, was erst durch die kurz vorher stattgefundene Entwicklung der 8-Spur-Tonbandmaschinen ermöglicht wurde. Ihre ausgefeilten Kompositionen, die bisweilen das in der Popmusik übliche Strophe-Refrain-Schema ganz hinter sich ließen, wurden in konventionelleren Arrangements und kommerzialisierten Instrumentierungen große Hits für Musiker wie Frank Sinatra, Barbra Streisand und The Fifth Dimension. Eine ihrer bekanntesten Kompositionen wurde durch Blood, Sweat and Tears zu einem fast schon prophetischen Manifest dessen, was sie mit 49 Jahren in Form einer Krebserkrankung ereilen sollte: ‚And when I die‘.

Komisch, dachte er sich, immer hört man nur vom Club 27 – aber ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, welche illustren Namen ein noch zu gründender Club 49 aufweisen würde?

Oder wie wäre es, einen Club 24 zu benennen? Zur Abwechslung mal nicht auf das Alter, sondern auf den Geburtstag bezogen, auf den morgigen Tag: den 24. Dezember. Christen in aller Welt feiern dann Heiligabend, weil ja angeblich Jesus Christus am 24. Dezember zur Welt kam. Diese Falschdarstellung geht wahrscheinlich auf Luther zurück, der den einfachen Menschen in der dunkelsten Jahreszeit – um die Wintersonnwende herum – ein Fest platzieren wollte, bei dem Licht, Wärme und Freude eine große Rolle spielten. Was eignet sich da besser als die Geburt des Heilands, des Messias, des Erlösers? Nach historischen Recherchen ist Jesus wahrscheinlich eher im März geboren als im Dezember, aber was macht das für einen Unterschied für einen gläubigen Christen? Wirklich bewiesen war das nicht, und selbst bei den Christen herrschte Uneinigkeit über das neue Datum: 24. oder 25. Dezember? Oder doch erst am 6. oder 7. Januar, so wie es einige orthodoxe Kirchen heute noch tun? Dieser Unterschied ist ja noch erklärbar, denn während Katholiken und nahezu alle Protestanten sich auf den Gregorianischen Kalender beziehen, behielten die Orthodoxen den alten Julianischen Kalender bei und somit auch die 13 Tage Abweichung, dies sich nach der Kalender-Reform im Jahr 1582 durch Papst Gregor XIII. ergaben. Während in Russland der Gregorianische Kalender 1918 nach der Bolschewistischen Revolution eingeführt wurde, feiern die russischen orthodoxen Christen ihr Weihnachtsfest weiterhin nach dem alten Kalender. Addiert man die 13 Tage Zeitdifferenz aber rückwirkend, so wird dann aus der Oktoberrevolution (25. Oktober nach dem alten Kalender) dann im Nachhinein eine Novemberrevolution (7. November nach der neuen Zeitrechnung). An dieser Stelle fiel ihm ein, dass er in der 9. oder 10. Klasse ein Referat über die Russische Revolution hielt, dass er mit einem selbstverfassten Gedicht abschloss. Es ging ungefähr so:

Ein alter Russki Revolutionär
vertrieb den Zar im Oktobär
ein junger Russki Revolutionär
stellt fest: es ist ja Novembär!
Von da an wurd‘ es ganz schön schwär
mit dem Sowjetski-Kalendär.

Sein Geschichtslehrer war sich zunächst nicht sicher, ob er dem Verfasser dieser Zeilen dessen sprachlich unorthodoxen Umgang mit der sowjetrussischen Vergangenheit als orthographischen Supergau oder als misslungenen Lyrikversuch eines Pubertierenden ankreiden sollte. Fest stand: es war keine Themaverfehlung, und historisch betrachtet war an dem Gedicht auch nichts zu bemängeln. Wie immer ging der Lehrer den Weg des geringsten Widerstandes, indem er das Referat seines Schülers aufgrund des irgendwie ja auch kreativen Umgangs mit der deutschen Sprache vorsichtshalber mal mit der Note „Eins“ bewertete. ‚Jaaa`, dachte er sich, ‚das waren noch die Zeiten, als die Lehrer in einer grünen Citroen 2CV Ente zur Schule kamen.‘

Aber eigentlich war der bevorstehende 24. Dezember Gegenstand seiner Gedanken gewesen. Da ihm seine beständig gepflegten Jahrestags-Reminiszenzen mittlerweile ein Stück weit ans Herz gewachsen waren, überlegte er vorausschauend, wer am morgigen Tag außer Jesus denn noch in Sachen Geburtstag erwähnenswert erschien: Lemmy Kilmister, Sänger und Bassist von Motörhead gehörte da auf jeden Fall dazu – auch wenn er nicht gerade als Prototyp der christlichen Lebensführung im kollektiven Gedächtnis verankert war. Und natürlich auch – wenn schon, denn schon – Brian von Nazareth, dieses filmgewordene Meisterwerk von Monty Python mit der unmissverständlichen Aufforderung zum selbstständigen Denken. Es war nicht verwunderlich, dass kirchliche Dogmatiker ‚Das Leben des Brian‘ sofort reflexhaft als inakzeptable Geschmacklosigkeit, als unverzüglich zu verbietende Blasphemie oder wenigstens als Verletzung ihrer religiösen Gefühle sahen. Dass bei ‚Brian‘ keine einzige Verunglimpfung der Person Jesu stattgefunden hatte, war den selbst ernannten Glaubenswächtern scheinbar völlig entgangen. Stattdessen mahnte ‚Das Leben des Brian‘ eher zur Wachsamkeit und Vorsicht bei der nicht hinterfragten und unkritischen Übernahme unausgegorener religiöser Erlösungsfantasien – und damit kann der Durchschnitts-Fundamentalist natürlich gar nichts anfangen.

Auch würde es morgen wieder erwähnenswerte Todestage geben: den österreichischen Komponisten Alban Berg beispielsweise, oder den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke, und natürlich den englischen Theaterautor und Literaturnobelpreisträger Harold Pinter. Was alle genannten verband: Sie waren oder sind allesamt in gewisser Weise revolutionär, viele davon gar visionär, manche auf den ersten Blick scheinbar ordinär.

‚So langsam habe ich alle und alles erwähnt‘, dachte er, und allmählich überkam ihn die Müdigkeit. Er zog sich die Decke über, und nun war er also nicht mehr auf dem Bett, sondern gemäß seiner eigenen Definition im Bett. ‚Und wen ich alles noch gerne erwähnen würde…‘ rauschte es durch seine Gedanken, ‚den Musiker und Produzenten Brian Eno, den Dichter John Donne, den Regisseur Alfred Hitchcock, die schottische Band Mogwai,  die Schriftstellerin Mary Shelley, den Schauspieler Peter O’Toole, den Sänger und Multi-Instrumentalisten Peter Hammill, den verschollenen Texter Richey James Edwards, das Kronos Quartet und den Architekten Antoni Gaudi und den Puppenspieler Jim Henson und den Musikjournalisten Alan Bangs und den Sprachwissenschaftler Umberto Eco und den Drummer Richie Hayward und den Maler Hieronymus Bosch  … und … und …‚ und während er so da lag, fielen ihm die Augen zu und er ging über in einen tiefen, festen Schlaf.