Kapitel 42

24. Dezember

Früh um kurz nach drei erwachte er.
Sein Kopf war voller Bilder. Er drehte sich zur Seite, um wieder zur Ruhe zu kommen, aber das Wiedereinschlafen funktionierte nicht. Die Bilder in seinem Kopf wurden zu Buchstaben, die Buchstaben zu Worten, die Worte zu Sätzen, und die Sätze zu Metaphern. Plötzlich entstand ein Rhythmus …

eins, zwo, drei, vier –
zwei, zwo, drei, vier –
drei, zwo, drei, vier –
vier, zwo, drei, vier –
fünf, und, Pau-, -se …

Während der merkwürdige Beat sich verselbständigte und damit begann, physisch zu werden, indem sein Körper anfing im Takt zu wippen, schoss es ihm durch den Kopf:

Was wäre, wenn Abstraktion auf einmal sichtbar und lebendig würde?
Was, wenn gegenstandslose Begriffe plötzlich konkret würden?
Was, wenn Theorien nunmehr praktisch und gegenwärtig würden?

Ein wildes Feuerwerk aus Gedanken, Gefühlen, Wünschen, Ängsten und Hoffnungen machte sich in seinem Kopf breit. Je mehr er versuchte, die Eindrücke zu verarbeiten, umso mehr schien sich alles zu beschleunigen. Und das alles im Rhythmus:

1, 2, 3, 4 –
2, 2, 3, 4 –
3, 2, 3, 4 –
4, 2, 3, 4
5, +, Pau-, -se

Das ist unglaublich! Niemand wird mir das am Morgen glauben, falls ich es irgendwem erzählen sollte. Am wenigsten ich selbst! Er sprang aus dem Bett auf, lief in das kleine Büro und fuhr den Computer hoch. Das Schreibprogramm wurde gestartet, und noch bevor er ein neues Dokument öffnen konnte, kamen langsame und sich periodisch wiederholende Klänge aus den Lautsprechern: die Audio-Wiedergabe-Software hatte einen Titel aus seiner auf Festplatte gespeicherten Musik automatisch gestartet. Der Sound war nicht laut, und doch begann der organische Klang, nach und nach den ganzen Raum zu füllen.

Sein Herzschlag verlangsamte sich, aber der ominöse Rhythmus in seinem Kopf war immer noch präsent und begann, sich subtil zu verfeinern, indem zwischen den schweren Beats präzise vor sich hin tuckernde Triolen leise fühlbar wurden:

1 e und,  2 e und,  3 e und,  4 e und –
2 e und,  2 e und,  3 e und,  4 e und –
3 e und,  2 e und,  3 e und,  4 e und –
4 e und,  2 e und,  3 e und,  4 e und –
5 e und, Ra- ta –ta, Tam- di- di,  Pau-  -se  und…

Er bemerkte, dass sein Kopf sich ganz leicht im Rhythmus des imaginierten Grooves zu bewegen begann und sich sein innerer Beat mit den Klängen aus den Lautsprechern vermischte. Jetzt erkannte er auch die Musik, die der Rechner im Autoplay-Modus gestartet hatte: es war „Water Music II“ von Robert Fripps fabelhaftem 1979er Album „Exposure“. Er schaltete die elektrische Beleuchtung im Büro aus und zündete eine Kerze neben dem Computer-Bildschirm an. Dann versuchte er, nur noch ganz tief in sich hinein zu hören.

Es gelang.

Das fahle Licht der Kerze ergab zusammen mit dem pulsierenden Drive aus seinem gefühlten Rhythmus und den eigentümlich sublimen Frippertronics ein herrliches synästhetisches Gesamtkunstwerk. Das konnte man kaum in Worte fassen …

… oder doch?

Ohne größeres Nachdenken begann er, einfach das aufzuschreiben, was gerade in ihm aufkam. Er begann mit einer Art Einleitung, die das soeben Gefühlte in Worte zu fassen versuchte. So etwas wie ein Prolog zeichnete sich ab und nahm allmählich Gestalt an. Die ihn umgebende Räumlichkeit und die zeitlichen Umstände seiner nächtlichen Expedition ins Büro beschreibend, verselbständigten sich die Worte nach und nach. Irgendwann hatte er das Gefühl, genug zum Ambiente des Moments geschrieben zu haben.

Er spürte, dass nun der Moment gekommen war, den entscheidenden und endgültigen Vorstoß zu wagen – dahin, wo er schon seit Wochen mit seinem Schreiben wollte.

Ohne Konstruktionen. Ohne Hintergedanken. Ohne Absichten.

Der Kern des Buches. Der eigentliche Inhalt. Die Essenz.

Das, was man mit Worten nicht sagen kann und worüber zu schweigen unmöglich ist. Er schrieb und schrieb und schrieb, bis er irgendwann mit einem laaaaangen Ausatmen sich selbst zu verstehen gab, dass nun alles Wesentliche seinen Ausdruck gefunden hatte.

Seine Worte mündeten sanft in einer Art post-koitaler Entspannung, und er bezeichnete sich in seinem Epilog-ähnlichen Abspann-Text selbst als Träumer, bis die Worte ihn nach einigen weiteren Zeilen endgültig verließen.

Es war kein Verlust, nichts mehr zu Schreiben zu haben. Er hatte nicht den Eindruck, dem soeben Verfassten irgendwann noch einmal auch nur ein einzelnes Wort hinweg nehmen oder auch nur einen einzigen Buchstaben hinzufügen zu müssen.

Alles war gesagt.

Alles war getan.

Alles war gut.

An diesem Punkt angelangt schaltete sein Verstand sich allmählich wieder ein. Wie spät mochte es wohl sein? Oder besser gefragt: wie früh mochte es wohl sein?

Die Soundscapes von Robert Fripp waren immer noch zu hören, aber die Kerze war weit herunter abgebrannt. Er wechselte die Bildschirmansicht in das Audioplayer-Programm und stellte fest, dass der Single-Loop-Modus aktiviert war. Die Water-Music war scheinbar schon seit Stunden in Schleife gelaufen. Ein Blick auf die Uhr bestätigte seine Vermutung, die er selbst nicht für möglich gehalten hatte:

Weit nach sechs Uhr morgens war es. Er stoppte die Musik, druckte sein soeben verfasstes Werk aus, fuhr den Computer herunter und las ganz für sich allein das, was er da geschrieben hatte:

Prolog: Der Träumer

In dritter Nacht nach der längsten des Jahres
zur vierten Stunde, im Dunkeln, da war es
Als riefen den Träumer die Stimmen.
Drum stand er gleich auf, es nieder zu schreiben
auf das seine Worte erhalten soll´n bleiben
Auch denen, die weiterhin ruhten.

Beim Schein der Kerze und den Klängen aus Wasser
im Angesicht der heiligen zwölf Nächte, da vergaß er:
„Das Denken stets schreite dem Tun voran!“
wie Generationen vor ihm die Fühlenden mahnten:
Wer’s glaubt, wird nicht selig, bleibt dumm.

Nicht, dass man auch eines Menschen nur wusste
der Worte des Träumers zum Leben bedurfte
Allein es zu tun, das schien ihm wichtig
und sein diese Worte nun groß oder nichtig
Im Handeln liegt Kraft, nicht im Planen.

Erste Strophe: Die Denker

„Im Anfang von Allem war göttliches Wort“
erzählten die Menschen, doch in einem fort
Gebärden sie sich als, als gelte es wider
das Wort zu handeln, und stets brav und auch bieder
die Botschaft zu leugnen – sei’s drum.

Euch Hütern des Feuers, in geistiger Ferne
an eure Erklärungen glaubt man dort gerne
ihr Sternendeuter und gebildeten Männer
gesondert von Ursprung, des Unholds Bekenner
wisst alles und glaubt doch an nichts.

Erzählt uns vom Ursprung all jeglicher Dinge
gesehen mit Gläsern, die man euch bringe
Um Ausschau zu halten am nächtlichen Himmel
wo Sternenstaub und Planetengewimmel
Euch künden vom Anfang des Seins.

Doch lasset euch lehren, dass all euer Streben
mag bringen euch Wohlstand, Macht und Ansehen:
Die Einheit zu leugnen, die Trennung zu preisen
birgt in sich das Unheil, ihr Narren, Nicht-Weisen
wer’s kündet, sei ruchlos genannt.

Und habt ihr bereits eurer Wurzeln entsagt
vom Baum der Erkenntnis der Früchte euch labt
Denkt dran, wes Geistes Kinder ihr seid:
als Vater Herrn Raum
als Mutter Frau Zeit.

Zweite Strophe: Die Familie

Der junge Herr Raum ward kaum auf der Welt
da wurde ihm schon Fräulein Zeit vorgestellt.
Beide noch scheu, was das Dasein wohl bringt
so waren sie doch für einander bestimmt
sich lieben und mehr’n – das war ihr Sinn.

So heiraten sie und luden auch ein
viel Gäste, die sich an sich selbst nur erfreu’n.
In trauter Runde verkündete man
Dass nicht sein darf, was nicht sein kann
Drum wollten sie sich vermehren.

Ihr erstes Kind kam kurz drauf zur Welt
Es wusste schon alles, es kam wie bestellt
Es machte sich schnell und fing an zu laufen
Die „Realität“ wollten beide es taufen
Onkel Verstand war der Pate.

Nun brauchte es noch einen Spielgefährten
Warum nicht gleich noch eine Tochter gebärden?
die Zeugnis ablegt von Herrn Raum und Frau Zeit
Von der Herrlich und der Dämlichkeit.
Die „Sprache“ ward somit gebor’n.

Nun ging es weiter, Schlag auf Schlag
Drum zeugten sie noch einen weiteren Blag
Sie beschlossen, das dritte Kind „Wahrheit“ zu nennen
Auf das alle dachten: würd’ man die Gör’ kennen
Sind alle and’ren nur Lügen.

Und um die Familie zu komplettieren
war es Herrn Raum und Frau Zeit noch beschieden
Einen vierten Abkömmling ihr Eigen zu nennen
Auf das nicht am Leben man ewig soll hängen
Der „Tod“ ward somit geboren.

Dritte Strophe: Die Verwandten

So mochte man glauben, dass Herr Raum und Frau Zeit
bereits alles böten, was das Menschsein bedeut’
Und mit ihren Kindern, verschwor’ne Gemeinde
das Ganze der Welt in sich birgt bis ins Kleinste
auf dass ihnen nichts entgehe.

Doch – da regt sich Widerstand: Wer kann es wagen
Herrn Raum und Frau Zeit den Kampf anzusagen?
Die Fantasie ist’s, dies Stiefkind des Wunders
Bringt Freunde noch mit, ein Häuflein, ein buntes
und droht in die Welt, diese schwarze und weiße
So sorgsam bestellte, ordentlich, fleiss’ge
ehrbar’ Gesellschaft aus Raum und aus Zeit
mit Realität, mit Tod und Wahrheit
die Sprach’ zu verschlagen, dass denen wird bange:
nichts bleibt wie’s war, was hier ist im Gange
wer dachte, es bliebe ein Stein auf dem ander’n
hat noch nicht gespürt: das Leben muss wandern 
Eindringlinge jetzt, welche die Stirne bieten
Auf dass aus den Trümmern die Blumen erblühten
Die Kraft der Erneuerung, wild und unzähmbar
Fegt alles hinweg, was geordnet und brav war
setzt an die Stelle ein all sichtbar Zeichen:

Was an euch haftet, wird  müssen weichen
Um Platz zu schaffen dem ewigen Fluss
dem Strom des Bewusstseins, der stets ist, nicht muss
den anderen zeigen, wie wichtig er sei
Allein dass er ist, macht den Reisenden frei!
Drum sei, wem jetzt noch inne hält,
beschieden, er sei ganz allein auf der Welt.

Vierte Strophe: Jetzt

So zeigt sich dann, dass Raum und Zeit
gemessen an der Unendlichkeit
sehr wohl doch ganz gewöhnlich sind
und ohnedies nur Geistes Kind’
„wes Geistes?“, mag man fragen.

Nicht jenes, der da stets verneint
auch nicht des and´ren, der als Freund
So manchen in die Irre treibt
und Wahnsinns fette Beute bleibt
was bleibt, als zu verzagen?

Was Seele denn vom Körper trennt?
Ob Geist den Leib schon vorher kennt?
Sich bei Geburt ins „Hier“ versetzt?
Und sich am Ende aus dem „Jetzt“
verflüchtigt? Wer kann’s sagen?

Drum bleib nicht bei den Fragen stehen
Willst Antwort du, musst vorwärts gehen
Zurück zu schauen, steh’n zu bleiben
Bedeutet nur sich zu verweigern
Des Lebens ganzer Fülle.

Epilog

So wünscht sich der Träumer das Leben herbei
Und weiß doch, dass Träumen allein noch nichts sei:
Die Tat erst schafft das Sein aus Gedanken
Sinn aus der Leere, ohn’ Grenzen und Schranken
das Nichts nur allein bleibt bestehen.

Als er am Ende des Textes angekommen war, hatte er keine Vorstellung davon, wie es zu diesen Worten gekommen war. ‚Mag sein, dass es kompletter Unsinn ist’, ging es ihm durch den Kopf. ‚Mag auch sein, dass es das Beste war, was ich in meinem ganzen Leben zustande gebracht habe’. Es war widersprüchlich, und dennoch erschienen ihm beide Möglichkeiten gleich wahrscheinlich und völlig einleuchtend.

Was auch immer es gewesen sein mochte: Er nahm das bedruckte Papier und die noch flackernde Kerze, ging vor die Haustür und verbrannte sein Manuskript, noch ehe die Sonne aufging.

„Sehen Sie? Das ist es, was ich meine. Er ist eine völlig wankelmütige Person, unstetig, mal so und mal so. Können Sie mir erklären, warum wir gerade ihn als Testobjekt verwenden haben?“

„Wissen Sie, Herr Geschäftsführer, ich denke, gerade wegen seiner scheinbaren Ambivalenz ist er der richtige Kandidat. Er ist in alle Richtungen offen, und wer…“

„Wer in alle Richtungen offen ist, ist möglicherweise auch nicht ganz dicht. Sie kennen doch diese Redewendung, oder? So ist das, Herr Professor Feder. Aber wissen Sie was? Ach was … kommen Sie mal bitte mit.“ Der Geschäftsführer packte den Gesprächspartner am Oberarm und führte ihn in einen kleinen Nebenraum, indem ein paar Designerstühle um einen fünfeckigen, spartanisch anmutenden Metalltisch gruppiert waren. Dann schloss er die Tür hinter sich und Professor Feder.

„Hier können wir mal ganz unter uns sprechen. Sie sind ja – mit Verlaub – Sie sind ja „nur“ Wissenschaftler, und ich meine das jetzt nicht abwertend. Aber ich, ich zeichne ja auch für den wirtschaftlichen Teil dieses Projektes verantwortlich, und unsere … unsere Investoren wünschen einen erfolgreichen Verlauf unseres Experimentes. Sie glauben ja gar nicht, was da alles dranhängt: Ein enormes Investitionsbudget, eine langwierige und akribische Phase der Vorbereitung und dann natürlich auch die ganzen Arbeitsplätze hier. Daher ist es schon allein aus den gegebenen ökonomischen Gründen zwingend erforderlich, dass dieses unser Unterfangen ein bahnbrechender Erfolg wird. Von der wissenschaftlichen Dimension mal ganz zu schweigen …“

„Sicher, Herr Geschäftsführer, wir alle wissen um die bedeutende Tragweite unserer gemeinsamen Aufgabe. Ich bin aufgrund meiner Professur für Neurobiologie Teil in diesem Team, und gerade unsere Fakultät hat enormen Forschungsaufwand im Vorfeld dieses Projektes betrieben. Die Rentabilität unseres hier stattfindenden Unterfangens können Sie als studierter Betriebswirtschaftler sicherlich am besten ermessen, jedoch möchte ich hinzufügen, dass ein erfolgreicher Verlauf unserer Kollaboration sicherlich uns allen zu pass kommen wird.“

„Ich merke, wir verstehen uns, Herr Professor Feder. Daher ist es umso gravierender, dass wir alle Schwachstellen im Auge behalten. Unser Hobby-Schriftsteller ist ja nur das Testobjekt, die Maus im Labyrinth, quasi – aber diese Funktion ist von großer Bedeutung. Sehen Sie sich unseren Filmvorführer an: Er ist eigentlich ein Patient – äähm, ich meine, Kunde – in unserer psychiatrischen Einrichtung gewesen. Eigentlich wussten wir nicht allzu viel über ihn – er war wohl in Philosophie einigermaßen bewandert, und eine ganze Palette an Deviationen war bei ihm ursprünglich einmal diagnostiziert worden. Wäre man nach traditioneller Betrachtungsweise vorgegangen, so wäre er als hoffnungsloser Fall zu bezeichnen gewesen. In unserer Einrichtung war er anfangs auch noch sehr passiv und in sich gekehrt. Aber wir fanden eine Möglichkeit, ihn statt mit medikamentöser Behandlung und den herkömmlichen Therapieformen auf ganz neue Art und Weise nachhaltig zu stabilisieren: In seiner nunmehrigen Funktion als Filmvorführer konnte er gruppendynamische Prozesse nicht nur mit gestalten, sondern sogar leiten. Wir haben ihn also – statt ihm die Verantwortung für sein Leben abzunehmen und einen schützenden Cocoon in unserer Einrichtung zu bauen – lieber in die Offensive geschickt und in einen progressiven Prozess eingebunden, der bei ihm ungeahntes Potenzial freisetzte, so dass mir irgendwann der Gedanke kam, ob man mit ihm nicht etwas noch viel … na nennen wir es mal … Weiterführendes anstellen könnten.“

„Ja, ich verstehe. Und ich muss gestehen: als Sie mich anfangs zu den Gruppensitzungen bei den Filmvorführungen eingeteilt haben, hatte ich keine Ahnung, es vorne am Pult mit einem Patienten zu tun zu haben.“

„Kunde, Herr Professor Feder. Kunde! Sie und Frau Dr. Starr waren eigentlich nur als regulatives Korrektiv gedacht, falls der Verlauf der Vorführungen eine unerwünschte Richtung eingeschlagen hätte. Aber so …“ er klopfte dem Neurobiologen auf die Schulter, und sein feistes lautstarkes Lachen erfüllte den kleinen Konferenzraum „ … so einen Verlauf hätten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Wir hatten gehofft, dass wir vielleicht zwei oder drei Tage aus dem Leben unseres bedauerlichen Freizeit-Literaten als Film zeigen können, aber dann hat der Filmvorführer seine Rolle solchermaßen internalisiert … sie waren ja dabei: die anderen Teilnehmer waren meist durchgehend passiv – ruhig gestellt durch Segnungen der pharmazeutischen Industrie, ha ha ha …. hatten Sie nicht auch den Eindruck, dass mit denen kein Staat zu machen ist?“

„Tja, in der Tat, bedauerliche Geschöpfe, mit äußerst ungünstigen Prognosen, was ihre Heilungschancen betrifft.“

„Natürlich, aber dennoch waren auch diese Menschen in ihrer Funktion wichtig. Je größer die Gruppe, desto größer die Herausforderung, sich vor solch eine Menschenansammlung zu stellen und in freier Rede zu sprechen. Sie sehen also: der Mensch wächst an seinen Aufgaben.“

„Das schon, zweifellos. Ich habe mich allerdings schon gefragt, wie ich mich wohl verhalten hätte, wenn ich von Beginn an in die Rollenzuteilungen Einblick gehabt hätte. Ich hatte den Filmvorführer eigentlich auch von Anfang an für einen Akademiker gehalten, einen Soziologen vielleicht oder einen Kollegen aus der Verhaltensgenetik.“

„Sehen Sie – und hätte ich am 14. Dezember nicht dieses wichtige Meeting mit Ihnen und Frau Dr. Starr parallel zur Filmvorführung anberaumt, hätten Sie dabei sein müssen, als unser Filmvorführer von Faktotum und Adjutant abgeholt wurde. Das war kein schönes Schauspiel, ich weiß, und glauben Sie mir – das hätte ich ihm gerne erspart. Aber wir mussten handeln, die Zeit war knapp und…“ In diesem Moment wurde die Unterredung plötzlich durch ein Piepsen unterbrochen.

„Nanu, was ist denn das nun?“

„Oh, ich fürchte, Professor Feder, wir müssen unser Gespräch hier beenden.“

„Aber wieso das denn?“

„Nun, wissen Sie, die Administration hat mir für unser Meeting lediglich 0,33 eingeräumt.“

„0,33?“

„Ja, 0,33 Stunden. Zwanzig Minuten also. Die vorgesehene Zeit ist um. Mein ToDo ist hiermit abgelaufen. Also dann…“ Der Geschäftsführer begab sich ohne Umschweife zur Tür. „Ich werde umgehend mein ToDo auf erledigt stellen und einen neuen Timer der Kategorie 3 starten.“

„Kategorie 3?“

„Ja. Privat. Ich hole mir jetzt erst mal einen Espresso.“