Kapitel 43

25. Dezember

Abbildung des verblassenden Antlitzes des Protagonisten, umrahmt von einem Labyrinth. Dazu der Text: Das Nichts ist auch nicht nichts."

„Und?“

„Was, und?“

„Und wieso denken Sie, dass unser Projekt möglicherweise bedroht ist, Bytes?“

„Nicht bedroht, Dr. Starr, gefährdet.“

„Gefährdet? Wie Sie wissen, bin ich ja Psychiaterin, und ich habe mich im Laufe meiner langen Ausbildung zur Fachärztin auch mit dem Thema Sprachpsychologie ausgiebig beschäftigt. Erklären Sie mir doch bitte den Unterschied zwischen den Begriffen bedroht und gefährdet – so, wie sich das aus Ihrer Sicht als Programmiererin darstellt.“

„Gerne. Von einer Bedrohung würden wir sprechen, wenn eine externe – also nicht im Projekt integrierte – Komplikation auftauchen würde. Das könnte ein Meteorit sein, der vom Himmel fällt, genau hier auf unser Gebäude. Oder eine Unterbrechung der Energieversorgung, so dass unsere Arbeit hier aus technischen Gründen nicht mehr möglich wäre. Im einfachsten Fall – und um auf mein Fachgebiet zurück zu kommen – könnte es auch ein Computervirus sein, der unser System lahmlegt.“

„Ah ja, verstehe. Und wie definieren Sie dann eine Gefahr?“

„Eine Gefahr ist eine Komplikation, deren Herkunft nur schwer oder gar nicht zu lokalisieren ist. Eine Gefahr beinhaltet theoretisch auch alle externen Komplikationen – also Bedrohungen – und zieht darüber hinaus aber auch alle internen, sprich nicht von extern und damit sozusagen hausgemachten Komplikationen in Betracht.“

„Eine interne Komplikation? Wie kommen Sie denn darauf?“

„Nun, es ist mir aufgefallen, als ich beim Programmieren den Quellcode für unsere Programmierung eingegeben habe. Soll ich Ihnen das mal zeigen?“

„Vielen Dank, aber ich fürchte ich bin da nicht weit genug in der Materie der Programmiersprache bewandert, um Ihnen folgen zu können.“

„Kein Problem. Deshalb habe ich unser Ablaufschema in die einfachste mögliche Form gebracht. Hier…“ Bytes winkte die Psychiaterin mit einer Handbewegung zum Computer „hier können Sie sich das ansehen. Wir haben die Schreibweise möglichst simpel formuliert – ein Programmierer würde das so niemals für einen anderen Programmierer schreiben, aber es soll ja für alle am Projekt Beteiligten nachvollziehbar sein: für die Physiker, die Mathematiker, die Neurobiologen, die Soziologen …“

„Ja, danke, Bytes ich denke ich weiß, was Sie meinen. Also?“

„Ich dachte, ich zeige es Ihnen zuerst, weil Sie zum einen die Leiterin unseres Teams sind und zum anderen ja die Fähigkeit haben, aus einer gegebenen Aufgabenstellung immer nahezu alle theoretisch möglichen Lösungsansätze durch zu exerzieren und damit in der Lage sind, noch vor der praktischen Ausführung eines Vorgangs dessen weiteren Verlauf zu determinieren.“ Dr. Starr blickte Bytes starr an. Dann erwiderte sie: 

„Oh … danke. Das ist nett von Ihnen, dass Sie mir so viel Urteilskraft zutrauen.“

„Nun …“ Die Programmiererin loggte sich am Computer ein und öffnete eine Seite, auf der eine schematische Darstellung zu sehen war. „Was halten Sie davon?“  Bytes rutschte mit dem Stuhl ein Stück zur Seite, so dass Dr. Starr direkt vor den Monitor treten konnte. Dort war zu lesen:

„Error?“
Dr. Starr betrachtete den Bildschirm.
„Wieso?“

„Genau das frage ich mich eben auch“ entgegnete Bytes.

Dr. Starr setzte Ihre Brille auf, legte den Zeigefinger auf den Monitor und begann, das Gesehene nochmals durchzusehen:

„Also, ich will mal sehen, ob ich – als jemand, die nicht wirklich viel übers Programmieren weiß – das verstanden habe:

Also, es gibt quasi zwei Möglichkeiten: Falls sich im Leben unseres Protagonisten nichts ändern sollte, hätte das auch Auswirkungen auf das Buch, das er da so schreibt. Sollte er das Buch unverändert lassen, dann hätte das keinerlei Auswirkungen auf den Film. Sollte hingegen das Buch verändert werden, dann hätte das konsequenterweise auch Auswirkungen auf den Film. Soweit richtig?“

„Richtig“, pflichtete Bytes bei, „und nun sehen sich bitte die zweite Möglichkeit an“

„Mhhm, nun, wenn sich in seinem Leben etwas ändern sollte, er selbst  diese Änderung möglicherweise aber gar nicht bemerken würde,  hieße das: für ihn hätte diese Änderung vielleicht gar keine Signifikanz, sehr wohl aber auf sein Umfeld und es hätte Konsequenzen auf den Film – oder auch nicht – woraus sich rückwirkend auch Auswirkungen auf das Buch ergäben – oder auch nicht – und dadurch dann sein Leben nicht mehr dem Buch entspräche – oder auch nicht – und das Buch nicht mehr dem Film – oder auch nicht – und deshalb …. und dann …“

„ERROR, genau… Das ist das Problem.“

„Ah ja, Bytes, ich verstehe … ich verstehe.“ Dr. Starr nickte langsam mit dem Kopf, atmete tief ein und dann langsam wieder aus. Dann wendete sie sich wieder an Bytes:

„Sie wären aber keine Programmiererin, wenn Sie nicht die Ursache des Errors ausfindig machen wollten, oder?“

„So ist es… “ pflichtete Bytes bei. „…und wissen Sie, was ich vermute, Dr. Starr:
die Ursache des Problems ist in dem Buch versteckt.“