Kapitel 46

28. Dezember

„…und wahrscheinlich ist das dann der Fehler. Unsere Wissenschaftler arbeiten praktisch rund um die Uhr: es wird programmiert, es wird analysiert, es wird theoretisiert, es wird hypostasiert, es wird verifiziert – aber was ist wirklich passiert?“ Der Direktor war ungeduldig. „Dass unser Projekt ins Stocken geraten ist und nicht weiter vorankommt, liegt nicht allein an den Programmierern. Es scheint ein logisches Problem im Umfeld zu geben. Ihre Vorschläge, meine Damen und Herren?“

Der Direktor blickte in die Runde. Die beiden Teamleiter Dr. Starr und Professor Feder starrten nachdenklich auf Ihre Dokumente, die auf dem Pult im großen Saal vor ihnen lagen. Der Geschäftsführer ergriff die Initiative, indem er auf bereits Bewährtes zurückgriff.

„Wir könnten ja noch mal im Film schauen, ob wir noch einen Hinweis finden. Ich meine, ich könnte den Filmvorführer herbeirufen und…“

„Ja, dann tun Sie das doch bitte, Herr Geschäftsführer.“ Der zog sein Handy aus der Tasche, tippte kurz und begann ungeduldig zu sprechen.

„Können Sie bitte in den großen Saal kommen?“ …. „Ja, sofort. Es ist dringend.“ Keine zwei Minuten später wurde an die Tür geklopft. „So kommen Sie doch bitte herein, ja.“ Der Geschäftsführer war bemüht, durch hektische Betriebsamkeit von der eigenen Ratlosigkeit abzulenken. „Also, es ist so. Könnte es sein, dass wir im Filmmaterial etwas nicht beachtet haben, Herr Filmvorführer?“

„Nicht beachtet – hmmmm, das eigentlich kaum … obwohl, ich glaube gesehen zu haben, dass im Menü unter ‚Extras‘ noch etwas abgelegt war. Da es kein Filmmaterial ist, habe ich dem bisher keine Beachtung geschenkt.“

„Na, dann wird es aber Zeit!“ Der Geschäftsführer erhöhte den Druck auf den Filmvorführer, aber dieser blieb gelassen und startete den Beamer.

„Also … wenn Sie mal sehen möchten. ‚Extras‘, dann ‚Special‘ … hier, das meinte ich: das sind einzelne Bilder, auf denen Texte dargestellt werden.“

„Na, dann sollten wir uns die doch mal ansehen, oder?“ Der Geschäftsführer war zufrieden, wieder einen möglichen Lösungsweg anbieten zu können. „Also dann … bitte, Herr Filmvorführer.“ Der Angesprochene klickte die oberste Datei in der Liste an.

„Ich gehe einfach mal chronologisch vor. Also, das hier ist das älteste der Files.“ Er klickte auf das Dateisymbol. Auf dem Beamer wurde das Bild sichtbar. Dort stand zu lesen:

Die besten Erzählungen sind nach folgendem Muster gestrickt: Man kann zwar sehr wahrscheinlich davon ausgehen kann, dass die Geschichten nicht wahr sind, aber sie sind so gut konstruiert und so überzeugend erzählt, dass es eigentlich egal ist, ob sie stimmen oder nicht. Allein schon die Vorstellung reicht aus, um solche Stories zu lieben und auch gerne weiter zu erzählen. Ob das dann alles im Detail auch der Wahrheit entspricht oder eben nur wahrhaftig erscheint, sei dahingestellt. Manchmal ist Hermeneutik einfach nur unnützer Zierrat. Gewiss kann man eine solche Auffassung als subversiv bezeichnen, aber wo ist das Problem? Nachfolgend nun einige meiner Lieblings-Subversionen, die ich aufschreiben will, um sie vor dem Vergessen werden zu bewahren.

„Aha. Und dann?“ Mit einer Geste gab der Geschäftsführer zu verstehen, dass man das nächste Bild zu sehen wünschte. Der Filmvorführer kam der Aufforderung nach und klickte auf das zweite Icon. Nun erschien:

Kulturell subversiv:

Viel wurde schon über die Zeit der Beatles zu Beginn ihrer Karriere in Hamburg geschrieben. Kaum bekannt ist jedoch, dass die Fab Four  ganz enge Beziehungen nach Thüringen pflegten und daher thüringische Städte, thüringische Flüsse und sogar thüringische Mittelgebirge in den ursprünglichen Songtiteln enthalten waren. Erst auf den enormen Druck des Staatssicherheitsdienstes hin konnten die Beatles davon überzeugt werden, ihren Liedern unverfänglichere und komplett englische Titel zu geben. Es soll aber wohl noch in einem Keller-Archiv der Abbey Road Studios Bänder mit Demo-Aufnahmen geben, bei denen die ursprünglichen Titel mit Bezug auf Thüringen enthalten sind:
Weimar guitar gently weeps, Gotha get you into my life, Yellow Suhlmarine, All Jena is love, Fool on the Ilm, A day in the Greiz, Magdala my dear, Gera that weight, Ob-La-Di A-pol-da, Sergeant Peppers lonely Harz Club Band, Lucy in the Schleiz with diamonds, Ilmenau Rigby und so weiter und so fort. Und wenn man Helter Skelter rückwärts abspielt, hört man Retleks Retleh, was zwar weder eine Stadt in Thüringen ist noch sonst irgendwie Sinn macht, aber für geübte Verschwörungstheoretiker trotzdem irgendwie satanisch klingt.

„Ich verstehe nicht … was soll das denn sein?“ Der Direktor blickte den Filmvorführer an.

„Nun … wissen Sie …. “ der Filmvorführer musste das Lachen unterdrücken „ich denke, er macht einen Scherz.“

„Einen Scherz?“ Der Direktor wiederholte die Worte „Einen Scherz, der auf unsere Kosten geht?“

„Das könnte sein, aber soweit mir bekannt ist, Herr Direktor, richtet sich das Subversive ja nicht gegen einen einzelnen Menschen oder eine bestimmte Personengruppe, sondern gegen das System als solches. Es ist, wenn Sie so wollen, ein Generalangriff auf…“

„Ach papperlapapp, kulturell subversiv. Haben Sie denn sonst noch etwas gefunden?“

„Ja, es geht noch weiter, Herr Direktor. Schauen Sie:“

Pädagogisch subersiv:

Eine Bekannte hatte mir folgende kleine Geschichte erzählt:
Bei einer Zugfahrt saß die Bekannte zusammen im Abteil neben einem gut gekleideten Herrn, der Kaugummi kauend gedankenverloren aus dem Fenster sah. Gegenüber des Manns saß ein kleiner gelangweilter Junge, der dauernd auf dem Sitz hin und her rutschte. Neben ihm seine Mutter, die die ganze Zeit auf ihr Handy starrte und keinem der sonst Anwesenden in irgendeiner Form Beachtung schenkte – auch nicht ihrem Sohn. Irgendwann fing der kleine Junge an, dem Herrn neben meiner Bekannten ans Schienbein zu treten. Der Mann sagte nichts und schien die Entgleisung des Jungen geflissentlich zu ignorieren. Der Junge trat erneut zu, diesmal fester. Wiederum unternahm der Fahrgast nichts, sagte nichts. Er blickte lediglich kurz zur Mutter des Kindes hinüber, doch die nahm überhaupt keine Notiz von ihm. Sie nahm auch keine Notiz von ihrem Sohn, denn sie war ganz auf ihr Mobiltelefon fixiert. Der Junge machte also weiter. Er trat den Mann erneut ans Schienbein, diesmal noch fester, so dass der Fahrgast kurz zusammenzuckte. Dennoch sagte und tat er wiederum nichts. Auch die Mutter des Jungen machte keine Anstalten, ihren flegelhaften Sohn irgendwie zur Räson zu rufen. In diesem Moment erfolgte eine Lautsprecherdurchsage über das Bord-System, dass der Zug in Kürze den Zielbahnhof erreichen würde. Die Fahrgeschwindigkeit wurde langsamer und langsamer, und schließlich hielt der Zug an. Die Mutter ging Richtung Ausstieg, ihr Sohn hinter ihr her. Da tippte der mehrfach getretene Herr dem kleinen Jungen von hinten auf die Schulter. Der hielt inne, drehte sich um und schaute den Mann fragend an. Der Fahrgast nahm scheinbar ohne Regung seinen Kaugummi aus dem Mund, klebte ihn dem verdutzten Jungen auf die Stirn und meinte: „Weisst du was? Ich bin auch antiautoritär erzogen worden.“

„Was soll denn dieser Kinderkram? Und warum schreibt er so was auf?“

„Nun, nach allem, was wir aus dem Film wissen, hat er ja viel Zeit damit verbracht, sich Gedanken zu machen: Gedanken über das Leben, Gedanken über den Tod, Gedanken über sich und seine Mitmenschen und so weiter und so fort. Diese Gedanken hat er aufnotiert, und möglicherweise ist das, was wir jetzt sehen, der Rest dieser Gedanken. Ein Übrigbleibsel, sozusagen.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen, aber für mich ist es ein zusammenhangsloses Geschreibsel.“

„Das in der Tat, Herr Direktor, so scheint es – aber das zusammenhangslose ist ja gerade das Wesen des Chaos…“

„Chaos?“

„Ja, Chaos. Das Wort hat mehrere Bedeutungen: ‚Zustand der Unordnung‘ beispielsweise, oder ‚Urzustand‘ beziehungsweise ‚unermessliche Leere‘ oder auch ‚ursprünglich‘ im Sinne des Zustands vor der Entstehung…“

„Sie meinen, er ist ein Chaot?“

„Nicht unbedingt. Aber er ist mit Sicherheit jemand, der das Chaos kennt. Sie wissen ja: Ordnung ist etwas für Langweiler – das wahre Genie beherrscht das Chaos.“

„Es reicht, Herr Filmvorführer. Nächstes Bild“

„Selbstverständlich, Herr Direktor … äääähm … also … vielleicht hier ….“

Politisch subversiv:                       

„Manchmal werden Träume ja wahr:
Letzte Nacht träumte ich, dass Franz Josef Strauß gestorben sei. Als ich heute früh erwachte, habe ich sofort gegoogelt. Und – siehe da: Franz-Josef Strauß ist wirklich tot! Dennoch ärgert es mich, wenn man zu mir sagt: du bist ja aus Bayern. Das stimmt einfach nicht – ich wohne in Franken. Und obwohl mir jede Form des politischen Separatismus fern liegt, lege ich doch Wert auf diesen kleinen aber feinen Unterschied, denn Bayern ist politisch das unterentwickelteste Land der Erde, da Bayern die Nachteile von gleich drei verschiedenen Diktaturen in sich vereint: Erstens herrscht durch die Alleinregierung der CSU in Bayern ein Ein-Parteien-System wie damals in der DDR, zweitens ist Bayern durch die unselige Verquickung der allgegenwärtigen Kirche mit der politischen Macht ebenso ein Gottesstaat wie der Iran und drittens ist Bayern durch die hier stationierten nuklearen US-Raketen eine ebenso unautorisierte Atommacht wie Nordkorea.
Für Bayern und Franken sollte daher gemäß dem israelisch-palästinensischen Modell eine Zwei-Staaten-Lösung angestrebt werden.“

„Ha ha ha, haben Sie das gesehen Herr Direktor?“ Der Filmvorführer lachte laut auf „Das ist ja…“

„Das ist ja nicht zum Aushalten! So etwas finden Sie witzig? Sie sind wohl auch ein Chaot, was?“

„Nein, Herr Direktor, mit Verlaub, das bin ich nicht. Das hier war nicht chaotisch, das war anarchistisch. Eine Sonderform des Humors, die bevorzugt in hierarchisch streng gegliederten Gesellschaften entsteht und dem scheinbar unveränderbaren Zustand durch eine Art Groteske entgegentritt und somit…“

„Egal jetzt. Na los, suchen Sie weiter.“

Volkstümlich subversiv:

Ein    Dialog zweier älterer Damen, zufällig von mir mitgehört in der Warteschlange morgens beim Bäcker.: “Die und ihr Mann haben ein Kind amputiert.“ “Was haben die?“ “Ein Kind amputiert.“ “Du meinst: ein Kind adoptiert?“ Kurzes gemeinsames Schweigen. Dann wieder die erste Dame: “Nein, nein – adoptieren, das ist ja, wenn die Pferde ganz schnell laufen.“

„Das ist doch kompletter Nonsens. Was soll das?“ Der Direktor fing an, mit dem Fuß rhythmisch auf dem Boden zu stampfen. „Weiter!“ Der Filmvorführer klickte auf die nächste Datei. Dann:

Sprachlich subversiv:

Ist es nicht ein hässliches Unding, dass in unserer Sprache Vokale, Konsonanten, Umlaute und darüber hinaus noch Groß- und Kleinschreibung mit Satzzeichen sich unversöhnlich nebeneinander tummeln müssen? Ich prangere diesen Missstand an!
Als Konsequenz daraus werde ich nunmehr mein Geschriebenes fein säuberlich sortieren.
Also:

Abbildung der Einzelbuchstaben aus dem vorhergeheneden Text. fein säuberlich aufgeräumt, getrennt nach Groß- und Kleinschreibung, Vokalen und Konsonanten sowie Satzzeichen

„Verstehen Sie das, Herr Filmvorführer?“

„Ja sicher, Herr Direktor. Er hat die Aussage in Sätze gegliedert, die Sätze in Worte, die Worte in Buchstaben und dann alles inklusive Satzzeichen fein säuberlich getrennt und exakt nach Groß- und Kleinschreibung sortiert. Das ist also ein Beispiel von konsequent zu Ende gedachter und praktisch durchexerzierter Übung in Sachen Ordnung – also des genauen Gegenteils des Chaos, nur eben in überhöhter ironischer Form und daher…“

„Jaja, schon gut.“ Der Direktor schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und rang um Fassung. „Weiter, bitte.“

Existentialistisch subversiv:

Mein Leben war wie eine Achterbahnfahrt in einem Freizeitpark: Immer volles Tempo, viele Ups und downs, unvorhersehbare Kurven, die Angst vor dem freien Fall, der Rausch der Sinne…

Am Ende der Fahrt hielt der Wagen an. Die anderen Fahrgäste stiegen alle aus, ich aber blieb einfach sitzen. Daraufhin kam ein Mitarbeiter des Fahr-Personals auf mich zu. Er trug ein langes orangefarbenes Gewand, hatte einen kahl geschorenen Kopf und war barfuß. Er sprach mich an:

„Bitte aussteigen.“

“Was, schon vorbei?“

“Ja, bitte aussteigen“

“Ach nein, kommen Sie, bitte noch nicht aussteigen. Ich will noch mal ’ne Runde mitfahren“

“Leider nein, sehen Sie die lange Schlange da? Die wollen auch alle mal rein“

“Und wo sind die alle, die vor uns schon raus sind?“

“Schwer zu sagen. Irgendwo. Der Park ist sehr groß.“

“Sind die vielleicht schon heim gegangen?“

“Ach, wer weiß das schon. Möglicherweise stehen die auch in der langen Schlange noch mal an.“

“Dürfen die dann noch mal fahren?“

“In der Tat. Aber die Strecke ist sowieso die gleiche wie beim erstenmal. Trotzdem bekommen manche nie genug davon.“

“Na dann. Auf Wiedersehen.“

“Ja, Wiedersehen. Vielleicht auch kein Wiedersehen. Denken Sie dran, der Park schließt ja irgendwann auch mal.“

“Ah ja. Und dann?“

“Dann wäre es gut, wenn Sie sich darauf vorbereitet hätten.“

„Was ist denn nun wieder? Das hat mit dem vorhergehenden doch überhaupt nichts zu tun, oder wie sehen Sie das?“

„Nein, es hat für uns keinen Zusammenhang. Der einzige, für den das alles irgendwie miteinander in Verbindung steht, ist unser Protagonist.“

„Tut mir leid, Herr Filmvorführer, für mich ist das nur wirres Zeug.“

„Ja, so scheint es. Aber möglicherweise sind es einzelne Gedanken, die er notiert hat, und uns erscheint es deshalb widersinnig, weil wir die Verbindung dazwischen nicht kennen. Ich denke, es ist so eine Art … Brainstorming.“

„Brainstorming?“ Der Direktor war jetzt wieder etwas weniger aufgeregt. Ihm war eingefallen, dass der Filmvorführer eigentlich einmal Insasse in der Anstalt war, und so logisch und hilfreich dessen Erläuterungen auch für den Direktor waren: er musste es in Betracht ziehen, hier mit einem Verrückten zu sprechen – was immer man unter ‚verrückt‘ denn nun auch verstehen mag. Für einen kurzen Moment schoss es ihm durch den Kopf, dass der Filmvorführer für den Protagonisten vielleicht deshalb so viel Verständnis und Nachsicht hatte, weil sie eine Art Geistesverwandtschaft pflegten. „Lassen Sie uns noch einen weiteren Versuch unternehmen. Bitte zeigen Sie uns das nächste Bild.“

„Gerne, Herr Direktor.“

Der Filmvorführer drückte nochmals auf ‚full screen‘. Es erschien:

Anthropozänisch subversiv:

Vergessen werden wäre das Schlimmste, was Geschichten passieren könnte.

Eine Menschheit ohne Geschichte und Geschichten wäre eine Menschheit ohne Erinnerungen.

Geschichten sind das, was alle Menschen miteinander verbindet, unabhängig von Raum und Zeit.

DAS ist es!

Das ist die direkte Verbindung von Mensch zu Mensch, nichts dazwischen, nichts fehlt, nichts ist zuviel:

Vom Autor zum Leser → ein Gedanke

Nun herrschte Stille im Konferenzraum.

Lange Stille.

Der Direktor hatte die flache Hand vor den Mund gelegt. Nach einem tiefen Einatmen und anschließendem langsamen Ausatmen wandte er sich mit leisen Worten an die Spezialistin dieses Fachgebietes.

„Frau Dr. Starr, was meinen Sie dazu? Was ist das denn für eine Krankheit?“

„Na ja … Krankheit …“ die Psychiaterin wich aus „… man könnte es maximal als Solipsismus einstufen, Herr Direktor“

„Also doch! Etwas Pathologisches?“

„So würde ich das nicht nennen. Es ist keine Krankheit im eigentlichen Sinne. Es ist eher eine … eine Haltung.“

„Eine Haltung? Was bedeutet das – Soli…dingsda?“

„Solipsismus bezeichnet die Einstellung, dass nur das eigene Ich existiert.“

„Also ein Egoist?“

„Nein.“

„Ein Egozentriker?“

„Auch das nicht.“

„Ein Egomane?“

„Nichts von alledem. Beim Solipsismus wird die Haltung vertreten, dass es nicht möglich ist, zuverlässig eine Aussage über eine Wirklichkeit jenseits des eigenen Bewusstseins zu erlangen. “

„Hmmmm … also … so etwas wie eine Attitüde?“

„Wenn Sie so wollen, Herr Direktor: ja.“

„Ein … ein Rebell?“

„Nicht unbedingt. Ein Rebell im eigentlichen Sinn ist meist aktiv damit beschäftigt, die bestehende Ordnung zu stürzen. Ich würde sein Verhalten eher charakterisieren bezeichnen als … als … als passiven Widerstand.“

„Passiver Widerstand?“

„Ja. Ziviler Ungehorsam, so wie von Henry David Thoreau beschrieben und von Mahatma Gandhi praktiziert.“

„Sie wollen diesen … diesen … diesen Nichts vergleichen mit Gandhi? Das ist doch ein Witz. Gandhi hatte das British Empire herausgefordert!“

„Ja, und der Protagonist scheint uns herauszufordern.“

„Waaas? Wie bitte?? Er will…. Nein, das kann doch nicht sein. Das kann ich so nicht akzeptieren. Nun tun Sie doch was!“

„Und was, wenn ich fragen darf? Ich bin Psychiaterin und nicht Gott.“

„Ja mein Gott, dann schauen Sie doch noch mal, ob Sie irgendwo einen Hinweis finden. Irgendwas muss doch da sein!“

Der Filmvorführer markierte die noch verbliebenen Bilder und wählte aus dem Menü ‚Diashow‘. Auf dem ersten Bild erschien die Schrift in einen Rahmen eingefasst. Etwas altmodisch sah das aus, wie in einem Stummfilm:

Philosophisch subversiv:

Langsam, nach und nach wechselte die Darstellung von einem Bild zum nächsten, und mit jedem neuen Bild kam ein neues Wort auf der Texttafel hinzu. Es schien, als liefen einzelne Worte von unten nach oben über die Leinwand, wie im Abspann eines Filmes. Am Ende war zu lesen:

Dann wurde die Leinwand schwarz.