Kapitel 12

24. November

Baruch de Spinoza hatte als junger Mann das Erbe seines Vaters – eines Kaufmannes – angetreten und erst mit der Zeit bemerkt, dass das Unternehmen überschuldet war. Daher trennte er sich von dieser scheinbar sicheren Existenz, um seinen geisteswissenschaftlichen Neigungen nachzugehen und somit einer später als `brotlosen Kunst` titulierten Daseinsform den Vorrang zu gewähren. Seinen Lebensunterhalt verdiente er derweil mit der Herstellung optischer Geräte wie Mikroskope und Ferngläser.

Es dauerte nicht lange, bis der Freidenker de Spinoza von den Rabbinern aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen wurde. Mit seiner Bibel- und religionskritischen Haltung machte er sich viele Feinde, sowohl beim Klerus als auch bei der staatlichen Obrigkeit, die gemeinsam versuchten, sein einziges zu Lebzeiten veröffentlichtes Traktat verbieten zu lassen. Der Wirkung der später erschienenen Schriften wie der `Ethik` konnten diese Institutionen nichts mehr entgegensetzen. Sein Pantheismus prägte nachhaltig das Weltbild großer Denker wie Lessing, Herder und Goethe und hinterließ auch tiefe Spuren in den Werken namhafter Dichter wie Wordsworth, Coleridge und Shelley.

Und er selbst, der er nun dasaß und über de Spinoza sinnierte? Der Pantheismus hatte ihn auch lange Zeit beschäftigt. Die Vorstellung, dass Gott gleich Natur und Kosmos gleich Gott sei, löste für ihn zwei Probleme auf einmal:

Zum einen entsprach es seiner selbst erfahrenen Wahrnehmung, dass er sich `Gott`- oder dem Göttlichen oder was immer er damals unter solchen schwer missbrauchten Wortgebilden verstand – dann am nächsten fühlte, wenn er allein zu Fuß in der Natur unterwegs war. Es brauchte seinerzeit nicht viel, um ihm die Natur als perfektes Abbild Gottes, des göttlichen Schaffens und der Gott gleichen Harmonie erscheinen zu lassen. Im Wald hatte er sich Gott immer näher gefühlt als in einer Kirche, auch wenn Kirchengebäude auf ihn wegen seines Faibles für Architektur und Raumakustik immer eine anziehende Wirkung ausgeübt hatten. Rückblickend betrachtete er seine Naturerfahrungen als seine romantische Phase – kein Wunder: auch die beiden Lake Poets und der Gatte der `Frankenstein`-Autorin werden allesamt zu Vertretern der britischen Romantik gezählt.

Zum anderen unterschied man sich durch den Pantheismus vom Atheismus, auch wenn die Begriffe lange Zeit fälschlicherweise gleichgesetzt wurden. Keinen von seiner Schöpfung getrennten Gott anzuerkennen und trotzdem die Idee Gottes nicht zu negieren, da sie in der Gegenwärtigkeit der Schöpfung offensichtlich sei, ist eben etwas anderes, als zu behaupten `es gibt keinen Gott, weil man seine Existenz nicht beweisen kann`. Den Gegenbeweis, nämlich einen empirisch verifizierbaren Beleg über die Nicht-Existenz Gottes, sind die selbsternannten Atheisten nach wie vor schuldig geblieben. Daher konnte ihn das derzeit schicke Bekenntnis zum Atheismus, so wie es von vorgeblich aufgeklärten Menschen gerne medienwirksam postuliert wurde, auch nicht sonderlich beeindrucken. Wo war da der Humor geblieben? Oder die selbstironische Reflexion? Weit und breit nichts zu finden, nirgends. Gerne hätte er einmal einen Satz gelesen wie `Gott sei Dank gibt es keinen Gott` oder ein Testimonial wie `Gott sei Dank bin ich Atheist`, aber da konnte er lange drauf warten. Stattdessen: besserwisserisches Endlos-Palaver in Dauerschleife. Was bringt das? Wer nicht beweisen kann, dass etwas nicht so sei wie andere glauben, ist eben auch nicht besser als jemand, der nicht beweisen kann, dass etwas so ist wie er glaubt dass es sei. Dass beide Parteien sich nach wie vor ergebnislos um die rechte Weltanschauung zankten, bestätigte ihn in seiner Annahme, dass man manche Dinge zwischen Himmel und Erde nicht nur nicht erklären könne, sondern getrost auch besser gleich vergessen sollte.

Am späten Abend klingelte das Telefon. Sein Freund und ehemaliger Arbeitskollege Effm meldete sich mit dem für ihn typischen „Naaaa?“ am Telefon. „Naaaa? Zeit und Lust zum Reden?“ Effm und er hatten sich bei ihrem damaligen Arbeitgeber, einem Radiosender, kennen und schätzen gelernt. Es war die Sorte Freundschaft, die er bevorzugte: Man musste sich nicht dauernd erklären, wenn man den jeweils anderen längere Zeit einmal nicht kontaktierte; beide waren immer viel beschäftigt gewesen, und wenn man sich mal monatelang nicht gemeldet hatte: auch okay. Effm war wie er selbst ein leidenschaftlicher Hörer und Leser. Ihre musikalischen und literarischen Vorlieben waren in vielen Bereichen identisch, und wenn es die Zeit erlaubte, besuchten sie gemeinsam Konzerte von Calexico oder Tori Amos und gingen zu Lesungen über Meister Eckhart.

Effm hatte ein fabelhaftes lexikalisches Gedächtnis und konnte Personen, Orte, Ereignisse und deren Zusammenhänge nahezu vollständig und in freier Rede rekapitulieren. Das war sowohl Voraussetzung für als auch Folge von Effms Jobs als Nachrichtensprecher bei einem großen öffentlich-rechtlichen Sender. Mit einem solchen Freund konnte man die halbe Nacht durch quatschen, und so taten sie es dann auch.