Kapitel 38

20. Dezember

Als er am nächsten Tag aufwachte, hatte er ein schlechtes Gewissen.
Seit über einem Monat kannte er nun Dr. Hansens Prognose, aber wenn er so ehrlich zu sich wäre, wie er es eigentlich sein wollte, überkäme ihn die Erkenntnis, dass er nachlässig handelte. Zwar hatte er durch sein Schreiben wenigstens den Versuch unternommen, der Nachwelt etwas Geistiges zu hinterlassen, was er für erhaltenswert erachtete, aber um seine physische Hinterlassenschaft hatte er sich noch überhaupt nicht gekümmert.

Was soll mit meinem Körper nach meinem Ableben geschehen? Einfach nur herumliegen und vergammeln geht ja nicht – das ist verboten in Deutschland, und die zunehmende Geruchsbelästigung wollte er seiner Nachwelt auch nicht hinterlassen. Gerne hätte er seinen Lieblingskomiker Groucho Marx beim Wort genommen, von dem das Bonmot stammt: „Warum sollte ich mich um die Nachwelt kümmern? Was hat denn die Nachwelt je für mich getan?“

Es blieb also die Frage: Erdbestattung oder Feuerbestattung? Beides hatte etwas für sich, aber beide Varianten waren auch mit Nachteilen behaftet, die nicht unerwähnt bleiben sollten. Für die Bestattung in der Erde sprachen die Überlegung, für die Hinterbliebenen einen Ort der Begegnung und der Trauer zu schaffen – quasi einen Platz, den man mit ihm in Verbindung bringen würde. Auch die Aussicht, möglicherweise eines Tages exhumiert zu werden und mit dann hoffentlich weiterentwickelter Technik klonbar zu sein – das wäre schon was. Aber – was wäre das denn? Wollte er denn überhaupt geklont werden? Und wäre das seinen Mitmenschen zuzumuten? Und falls es dann irgendwann technisch möglich sein sollte, so wie damals in ‚Jurrasic Parc‘ angedeutet – wäre es nicht besser, wenn solches Tun dann verboten sein würde? Er wollte jetzt nicht wieder die Grundsatzdiskussion starten, ob alles, was technisch machbar sei, denn ethisch betrachtet auch gemacht werden sollte. Nur – wenn die Technik dereinst so weit sein sollte, warum sollte man dann ausgerechnet ihn klonen? Vielleicht dann doch besser Stephen Hawking, der Zeitreisen per se für durchaus möglich hielt – denn auch dem britischen Physiker hatte man seinerzeit nur noch eine geringe Lebenserwartung prognostiziert, und fast fünfzig Jahre später witzelte der nach wie vor lebendige und geistig äußerst vitale Hawking beim Seattle Science Festival: „Ich habe vor ein paar Jahren eine Party für Zeitreisende veranstaltet und die Einladungen dazu absichtlich erst nach der Party rausgeschickt. Obwohl ich sehr lange gewartet habe, kam niemand.“ Oder die Klonspezialisten der Zukunft würden Beethoven wiederherstellen, damit der endlich seine 10. Sinfonie vollenden könnte. Oder vielleicht auch Marlene Dietrich – die hatte ja schließlich noch einen Koffer in Berlin und musste deswegen nächstens wieder hin. „Ach ja“, seufzte er vor sich hin, während er sich auf dem heimischen Sofa räkelte, und ihm fiel wieder der Text eines Liedes ein, das er einmal zu schreiben angefangen hatte und voller Stolz seinen Bandkollegen am Klavier vorspielte. Es sollte ein buddhistisches Weihnachtslied werden, und obwohl Buddhisten ja kein Weihnachten feiern, befand er seine Idee dennoch als gelungenen Ansatz, alte deutsche Kinderlieder mit noch älterem fernöstlichem Reinkarnations-Glauben zu kombinieren. Sein Liedtext startete mit den Worten

‚Morgen, Kinder, wird’s was geben –
vielleicht auch erst im nächsten Leben‘

aber schon nach diesen beiden ersten Zeilen kam ihm lautstarker Protest von den Mitmusikern entgegen, und wie so oft hatten die Bedenkenträger schnell die Oberhand gewonnen, so dass die Idee umgehend auf den Müllhaufen der Geschichte verworfen wurde – natürlich ohne dass sich jemand die Mühe gemacht hätte, ihm noch eine Chance zur weiteren Ausführung seines Songtext-Entwurfes zu geben.

Er musste leise in sich hineinlachen, als er an dieses längst vergangene Kleinod ambitionierter Lied-Vertonung zurückdachte, aber dann durchfuhr es ihn plötzlich: da war sie wieder, die Gegnerin des konzentrierten Arbeitens, die Ursache jeglicher Nachlässigkeit, die Mutter aller Nichtvollendungen – die Ablenkung. Wie immer kam sie erwartungsgemäß unerwartet, und auch diesmal hatte sie wieder ganze Arbeit geleistet. Die Ablenkung vom Wesentlichen mündete auch diesmal wieder in die Fragen:

Wo war ich gerade?
Was wollte ich noch mal?
Worum ging es?

Ach so, ach ja, genau: die Pros und Cons der verschiedenen Bestattungsarten. Bisher erledigt: die Vorteile der Erdbestattung. Dann also zu den Nachteilen. Als da wären: verschwenderischer Platzbedarf, ein gewisser Hang zum Pathos und das nicht von Hand zu weisende Problem der Grundwasserbelastung. Hmmm, befand er, da wiegen die offensichtlichen Nachteile wohl schwerer als die angeblichen Vorteile, auch wenn ein geschmackvoll gestalteter Grabstein ja durchaus etwas Attraktives haben konnte. Aber musste es wirklich so ein großer klobiger Brocken sein? Oder eine tonnenschwere monumentale Grabplatte wie auf Elvis Presleys letzter Ruhestätte Graceland? Abgesehen von den enormen Kosten erschien ihm das alles ziemlich übertrieben, oversized könnte man es neudeutsch auch nennen, und darüber hinaus auch noch äußerst wichtigtuerisch.

Wesentlich angemessener erschienen ihm da die kleinen Metalltafeln, die dezent an Bäumen oder an Steinen von überschaubarer Größe angebracht waren. Diese neuerdings immer mehr in Mode kommende Form der Bestattung wird dezent und betont unspektakulär, beinahe nebensächlich ausgeführt: Meist in Wäldern, an abgelegenen stillen Plätzen, in die Natur integriert und ohne große pompöse Inszenierung. Die Namen solcher Plätze lauten denn auch ‚Friedwald‘, ‚Ruhehain‘ oder ‚Baumbestattung‘. Beigesetzt wird an diesen Orten auch nicht der abgelebte Körper als solcher, sondern die nach Feuerbestattung des Leichnams in eine Urne gefüllte Asche des Verstorbenen. 
Ein solches Vorgehen erschien ihm wesentlich plausibler. Ihm fiel ein, dass es auf einem hier in der Nähe gelegenen Berg eine solche Ruhestätte gab, und früher, als er noch viel gejoggt war, kam er an diesem Friedwald manchmal vorbei. Eine wohlige Stimmung strahlte dieser Ort aus, vollkommen natürlich, ganz unaufdringlich und vor allem: friedlich.

Schön. So mache ich das. Und um nicht wieder alles aufzuschieben, mache ich es gleich. Also ab an den Computer, Internet auf, Suchmaschine an und den Begriff „Friedwald“ eingetippt. Von den ungefähr 584.000 Treffern, die nach 0,46 Sekunden angezeigt wurden, war der erste, obenstehende Treffer …. Werbung.

„Hört das denn nie auf?“ grummelte er vor sich hin, aber statt die Werbung einfach weg zu klicken, begann er zu lesen. Er staunte nicht schlecht: das dargestellte Unternehmen warb mit einer sogenannten ‚Mustergräberausstellung‘.

„Wie bitte? Was soll denn das sein?“ Für einen Moment konnte er sich nicht entscheiden, ob er das nun als lustig, als albern oder sogar als beides zugleich befinden sollte. ‚Mustergräberausstellung‘ – was soll man sich denn darunter bitte vorstellen? Er war neugierig geworden, und weil die unangenehmsten Fragen im Leben die unbeantworteten Fragen sind, beschloss er mehr dazu in Erfahrung zu bringen. ‚Sie haben Fragen? Rufen Sie uns einfach an: Telefon 0 8 0 0 –  . . . . . . . . ‚ Na klar – das mach‘ ich doch gleich. Also her mit dem Telefon und gewählt. 0 8 0 0 –  . . . . . . . .    Nach kurzem Klingeln meldete sich eine Stimme.

 ‚Herzlich willkommen bei Heimkehr, ihrem zuverlässigen Partner in den schwersten Stunden des Lebens.‘

‚Nanu – die schwersten Stunden meines Lebens?‘ dachte er sich. ‚Eigentlich geht es mir grad gar nicht so schlecht, aber …‘

‚Falls Sie Fragen zu den verschiedenen Bestattungsformen haben, drücken Sie bitte die Eins. Falls Sie eine Beratung zu verschiedenen Sargausstattungen haben, drücken Sie bitte die Zwei. Falls Sie anderweitige Fragen zur Beisetzung haben, drücken Sie bitte die Drei.‘

„Hmm, also gut“ ….  3.

‚Vielen Dank für Ihre Auswahl. Um möglichst individuell auf Ihr Anliegen eingehen zu können, möchten wir Sie bitten, nun eine Vorauswahl zu treffen. Falls Sie Fragen zu Ihrer Bestellung haben, drücken Sie bitte die Eins. Falls Sie Ihren Sarg oder einen anderen Artikel umtauschen möchten, drücken Sie bitte die Zwei. Für alle anderen Fragen drücken Sie bitte die Drei.‘

„Umtausch? Sagte die Stimme gerade Umtausch? ts ts ts …
also nochmal: 3.

‚Vielen Dank für Ihre Auswahl. Der nächste freie Gesprächspartner ist gleich für Sie da.‘ Es folgte Musik von Burt Bacharach – ‚Make it easy on yourself‘. ‚Sehr schönes Lied‘, dachte er sich, während er beim Warten leise mitsummte … „cause breaking up is so very hard to do“   … ja, Burt Bacharachs Musik und die Texte von Hal David – eine ideale Kombination. Von wegen Easy Listening – die Musik hatte immer eine Leichtigkeit, eine Lässigkeit und Eleganz ausgestrahlt, von der andere Komponisten nur träumen konnten. Bei genauerem Hinhören entpuppte sich eine reiche und ausgefeilte Harmonik, kombiniert mit einer synkopierten Rhythmik und ungeraden Taktarten, die beinahe unauffällig in die mit geschmeidiger Nonchalance vor sich hin schwebenden Melodien mit eingewebt waren. ‚Jaaaa, das ist ganz große Songwriter-Kunst‘, dachte er für sich. In diesem Moment setzte der Beginn der dritten Strophe ein, und er begann lauthals mitzusingen: „My darling, if this is goodbye-ha-ha-ha-haaaaai….“ schmetterte er lauthals hinaus, „I just know I’m gonna cry-ha-ha-ha-haaaaai…“

„Herzlich willkommen bei Heimkehr, ihrem zuverlässigen Partner in den schwersten Stunden des Lebens. Sie sprechen mit Gisela Schnickenfittich aus der Info-Zentrale. Was kann ich für Sie tun?“

Die Musik von Burt Bacharach war abrupt beendet worden, und die Dame am anderen Ende der Leitung hatte brav und mit professioneller Höflichkeit ihr Sprüchlein aufgesagt.

„Oh … äääh … ja … ääähm … Hallo, Frau ääääähm… Dings“

„Schnickenfittich. Gisela Schnickenfittich“.

„Ja, äääähm …. genau, danke.“ Er ertappte sich dabei, dass er vor lauter Freude über die wohlklingende Musik den eigentlichen Grund seines Anrufes beinahe vergessen hatte. „Ich habe angerufen wegen … ich meine, ich rufe an, weil …. also … wegen des Grabes.“

„Wegen dem Grab?“

„Nein, wegen des Grabes“

„Ja, eben – wegen dem Grab.“

„Entschuldigen Sie bitte, aber es handelt sich korrekterweise um einen Genitiv. Es muss lauten: ‚des Grabes‘.“

„Ach so. Ja, dann verbinde ich Sie mit dem Kundenservice.“

„Nein, warten Sie, hören Sie … hallo …. haaalloooo?“

Die Stimme am anderen Ende der Leitung war verschwunden. Stattdessen: Wieder Musik von Burt Bacharach, diesmal: ‚What the world needs now‘ – aber nur ganz kurz. Dann endete die Musik schlagartig, daraufhin ein lautstarkes Knacksen in der Leitung, und plötzlich wieder eine menschliche Stimme.

„Herzlich willkommen bei Heimkehr, ihrem zuverlässigen Partner in den schwersten Stunden des Lebens. Sie sprechen mit Yussuf Hanoi, Abteilung Kundenservice. Was kann ich für Sie tun?“

„Hallo, hören Sie bitte, ich habe gerade mit Ihrer Kollegin aus der Info-Zentrale gesprochen …. “

„Oh, da gibt es viele. Wissen Sie zufällig noch den Namen der Kollegin?“

„Ja … ääähm … nein. Es war ein ungewöhnlicher Name … ääähm … mit mehreren „i“ mittendrin … sie hieß …. ääähm … Frau … Dings…“

„Aaah, Sie meinen die Kollegin Schnickenfittich.“

„Ja, genau. Sag ich doch – Frau … Dings.“

„Einen Moment – ich leite Ihren Anruf weiter. Auf Wiederhören.“

„Auf Wie-“ … wieder abgebrochen, wieder die Warteschleife, wieder Burt Bacharach. Dieses Mal das Ende von ‚Walk on by‘, nahtlos übergehend in ‚I say a little prayer‘.

 „Herzlich willkommen bei Heimkehr, ihrem zuverlässigen Partner in den schwersten Stunden des Lebens. Sie sprechen mit Tom Hansmann, Bestell-Hotline. Was kann ich für Sie tun?“

„Oh je, ich glaube, jetzt bin ich komplett falsch. Ich hatte eigentlich angerufen, weil ich ein paar Fragen zu Ihrer Mustergräberausstellung hätte und…“

„Aaah, ich verstehe. Möchten Sie Ihre Bestellung per Überweisung, Kreditkarte oder Paypal bezahlen?“

„Ich … was? Ich möchte gar nichts bezahlen. Ich bin ja noch gar nicht…“

„Natürlich. Ich kann Ihren Wunsch sehr gut nachvollziehen. Sicherlich haben Sie dafür Verständnis, dass in unserem Hause ausschließlich eine Zahlung per Vorkasse möglich ist, weil ja hinterher …. nun, hihi, wie soll man sagen …. hihihi … hinterher ist es ja praktisch …. unmöglich – na, Sie wissen schon.“

„Was?“ So allmählich ging ihm das ziellose umher gereicht werden in der Hotline auf die Nerven. Er wollte gerade damit beginnen, sich aufzuregen – aber das war ja nicht notwendig. Er musste sich ja nicht selbst aufregen – das hatten ja schon die Mitarbeiter der Hotline für ihn übernommen. Also beschloss er, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und spielte das seltsame Spiel mit. „Bevor wir die Zahlungsmodalität festlegen, habe ich noch eine Frage zu meiner Bestellung.“

„Sehr gerne. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich möchte nicht so trivial in einem banalen Sarg bestattet werden, wissen Sie? Ich möchte etwas Außergewöhnliches, etwas, dass nicht jeder hat. Deshalb habe ich Ihr Unternehmen angerufen, weil ich von Ihrer Mustergräberausstellung gelesen habe.“

„Das freut uns natürlich. Welches Produkt aus unserem Sortiment spricht Sie denn besonders an?“

„Das ist ja der Grund meines Anrufes. Ich habe auf Ihrer Website leider nicht gefunden, wonach ich suche.“

„Da helfen wir Ihnen gerne weiter. Wonach suchen Sie denn konkret?“

„Ich möchte gerne ein Hünengrab.“

„Ein … wie bitte? … also … scheinbar ist die Qualität der Telefonverbindung schlecht, ich kann Sie nur unzureichend verstehen. Wissen Sie was ich verstanden habe? Hünengrab. Ja, tatsächlich – ein Hünengrab. Aber das kann ja nicht sein.“

„Weshalb?“

„Nun, so etwas haben wir natürlich nicht im Angebot. Das gibt es doch schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Also, was meinten Sie bitte?“

„Ich meinte, ich möchte ein Hünengrab.“

„Ach so … ja … also doch … nun … ääähm… also … ein Hünengrab kann ich Ihnen leider nicht anbieten. Haben Sie vielleicht einen alternativen Wunsch?“

„Kein Hünengrab? Ach, das ist ja schade. Nun gut – dann hätte ich gerne einen Steinkreis.“

„Einen … einen Steinkreis?“

„Ja, genau. Einen Steinkreis. Mehrere senkrecht aufgestellte Sarsensteine, so ungefähr dreißig Stück.“

„Wie bitte?“

„Und die Steine, die sollten so zirka fünf Meter hoch und zwischen 25 und 50 Tonnen schwer sein. Also natürlich nicht alle zusammen, sondern jeder einzelne.“

„Entschuldigen Sie bitte, ich vermute, dass ….. “

„Richtig. Vermutlich ist das Gesamtgewicht der Menhire dann irgendwo so zwischen 750 und 1500 Tonnen, der Durchmesser des Steinkreises sollte so ungefähr 30 Meter betragen, so wie Stonehenge, wissen Sie?“

„Stonehenge?“

„Ja, Stonehenge, genau. Es freut mich, dass Sie die Wünsche Ihrer Kunden respektieren und auch eins zu eins umsetzen. Deshalb habe ich mich auch an Sie gewandt – Sie sind da ja praktisch die Profis, stimmt’s?“

„Wir … äääh .. ja … freuen uns natürlich immer über Lob. Und Ihre …. Wünsche …. also … Ihre Anregungen sind für uns sehr wertvoll. Worauf wir auch großen Wert legen …“

„Legen! Sie sagen es. Das ist mir auch ganz besonders wichtig. So ein Grab soll doch auch Spaß machen, man liegt ja da dann praktisch ewig, hahaha, Sie wissen schon was ich meine, oder?“

„Ääähm, ja, also, ewig ist da wohl richtig, ja. Wenn Sie möchten dann nehmen…“

„Oooh, nehmen, ja aber natürlich. Das ist ein toller Service Ihres Hauses. Ja, gerne nehme ich Ihr Angebot an: ich würde auf jeden Fall mal in meinem Grab probe liegen. Man will ja nicht die Katze im Sack kaufen, richtig?“ 

„Jaaaa … richtig. Apropos kaufen: Ich würde…“

„Es würde Ihnen nichts ausmachen? Oh, hervorragend. Wobei Sie wissen sollten: Ich würde lieber sitzend bestattet werden statt liegend. Im Liegen nimmt man ungefähr doppelt so viel Fläche in Anspruch wie im Sitzen. Eine Bestattung im Sitzen ist doch bestimmt problemlos möglich, nicht wahr?“

„Hören Sie, ich … ich muss Ihnen mitteilen, dass wir … dass wir die von Ihnen vorgegebenen … ääähm … Wünsche wohl nicht zur Gänze umsetzen können. Es tut mir leid, wirklich sehr leid, aber wir bieten weder Bestattungen im Sitzen noch Hünengräber noch Stonehenges an.“

„Bieten Sie nicht?“

„Nein, bieten wir nicht.“

„Ach … das ist aber schade. Da können Sie mir wohl jetzt gar nichts verkaufen, wie? Ja, was machen wir denn nun? Das tut mir aber leid … nun ja, ich hoffe, ich habe Ihre Zeit nicht allzu sehr vergeudet, oder?“

„Nein nein, schon gut, danke …. Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen?“

„Ja, vielleicht. Wissen Sie, welcher Tag heute ist?“

 „Der … der 20. Dezember.“

„Oh, danke. Wissen Sie, was am 20. Dezember 1812 geschehen ist?“

„Nein … nein, das weiß ich leider nicht“

„Kein Problem. Das kann ich Ihnen gerne sagen. Sie möchten das doch unbedingt wissen, stimmt’s?“

„Ich … also … nun gut, … Sie werden es mir wahrscheinlich sowieso sagen.“

„Richtig! Am 20. Dezember 1812 fand die Veröffentlichung der Erstausgabe der ‚Kinder- und Hausmärchen‘ der Brüder Grimm statt.“

„Aha … ja … da … da haben Sie Recht. Das … das sollte man natürlich wissen. Sie haben mir sehr geholfen.“

„Aber gerne doch, bitte sehr – und denken Sie daran, wenn Sie wieder jemand anrufen sollte: Die Werbung Ihres Unternehmens hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Also: lassen Sie sich keine Märchen erzählen!“

„Nein … also … ja … und danke für Ihre Hilfe. Ich … ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

„Danke, das wünsche ich mir auch.“

Nachdem er das Telefonat beendet hatte, war ihm klar:
Mit dem Sterben ist es genauso wie mit dem Humor:
Der Tod ist zum Totlachen und Humor ist eine todernste Sache.