Kapitel 7

19. November

Der nächste Tag begann mit einem unguten Gefühl: Eigentlich hatte er sich ja vorgenommen, Tagebuch zu führen, um diesen Zustand bewusst unbewussten Dahinvegetierens zu beenden und wieder etwas Struktur in sein Leben zu bringen. Alles was es dazu brauchte, war ein wenig Disziplin.

‚Manchmal ist Disziplin ja lästig, aber in diesem Fall kann sie auch nützlich sein‘, dachte er. Mittlerweile war eine Woche seit seinem Arztbesuch vergangen, und in dieser Woche hatte er die unerträgliche Seichtigkeit des Seins zu spüren bekommen. Der Unsinn des Lebens hatte lautstark an seine Türe geklopft, und er hatte höflich geöffnet. Sollte das jetzt die restlichen ihm verbleibenden Tage auch so sein? Er bemerkte, dass ihn so etwas wie ein schlechtes Gewissen überkam. Zeit verschwenden war eigentlich nie sein Ding gewesen. Muse, das schon eher. Aber die letzten Tage kamen ihm doch ziemlich nutzlos und unorganisiert vor, und er wusste auch, dass er mehr konnte.

Ja, alles aufschreiben, alles dokumentieren, alles festzuhalten – das war jetzt dran. Gleich heute wollte er damit anfangen. Was war am 19. November denn Besonderes? Okay, es ist der Todestag von Mike Nichols – den sollte man natürlich nicht vergessen. Der in Berlin geborene amerikanische Regisseur hatte im Laufe seiner langen Karriere – wie nur ganz wenige andere außer ihm – alle vier großen Preise gewonnen: Oscar, Grammy, Emmy und Tony, und das zu Recht, denn gleich mit seinem ersten Film „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ hatte Mike Nichols gezeigt, wie man mit ganz wenigen Mitteln wirklich großes Kino macht. Eigentlich war es ein Theaterstück von Edward Albee, und dementsprechend kompakt und dialogorientiert hatte Nichols seine Figuren agieren lassen. Er wusste, wie man ein Publikum ohne großen technischen Aufwand fasziniert: Es braucht glaubwürdige Akteure wie die faszinierende Elizabeth Taylor und den fabelhaften Richard Burton und muss vor allem einem Motto folgen; einem Motto, dass man im englischsprachigen Raum in vier Worten zusammenfasst:

„Tell me a story“

Es klang ebenso simpel wie einleuchtend: Erzähle mir eine Geschichte. Mehr braucht es nicht. Und wer schreibt die besten Geschichten?

Genau: das Leben.

Genauer: das eigene Leben.

Noch genauer: das eigene Leben und alles, was damit zu tun hatte.

Denn wovon sollte jemand besser und ehrlicher berichten können, als von dem, was ihm widerfahren ist? Das Schöne, das Ärgerliche, das Lustige, das Ängstigende, das Wunderbare … alles das wollte er aufschreiben – nicht etwa, weil er sich neuerdings für einen Schriftsteller hielt, sondern weil er sich durch das Aufgeschriebene versichern wollte, dass er gelebt hatte. Und nicht nur, dass er gelebt hatte, sondern auch wie er gelebt hatte. Alles, was wichtig gewesen war. Was ihm wichtig gewesen war.

Eine alte Redewendung besagt: „Wer schreibt, der bleibt.“          

Das gefiel ihm.

Das ist es!

Schreiben!

Gleich heute wollte er damit anfangen…

…obwohl… 

… morgen würde ja eigentlich auch noch reichen.