Filler 2: Porträt des Protagonisten mit derAufschrift: Ich schreibe, also bin ich

Kapitel 8

20. November

„Und?“

„Was, und?“

„Und wie war das?
Damals, als Kind.“

Er hatte es schon immer geliebt, sich selbst Fragen zu stellen. Dieses Mal lautete die Frage: Was weiß ich eigentlich noch von meiner Kindheit?
Manche Menschen können sich angeblich bis an die Zeit vor ihrer Geburt zurückerinnern. Ihm war das nicht leider nicht möglich. Oder glücklicherweise. Seine Erinnerung reichte zurück bis in sein viertes Lebensjahr.

Wenn man keinen Vergleich hat, ist das gegenwärtige Verhalten der Menschen, so wie es jetzt gerade ist, das einzig richtige Verhalten. Und damals, im Sommer 1969, waren scheinbar alle von einer einzigen Sache fasziniert: Ein Mensch auf dem Mond! Die USA hatten im Wettlauf mit der UdSSR ein bemanntes Raumschiff zum Mond geschickt, und das bis dahin unmöglich scheinende wurde wahr: Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond und sprach die mittlerweile legendären Worte: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Schritt für die Menschheit!“

Alle in der Familie waren wie verzaubert: Seine Mutter, seine Großeltern und natürlich auch alle seine älteren Geschwister. „Ein Mensch auf dem Mond!“, riefen sie, „unglaublich!“.

Er selbst war weniger beeindruckt. In ein paar Tagen wäre sein vierter Geburtstag, und alle um ihn herum interessierten sich nur für den Menschen auf dem Mond. Schade eigentlich.

Dabei war die Sache doch offensichtlich ein Schwindel. Er selbst hatte es mit seinen eigenen Augen überprüft. Nachts, als es endlich dunkel war und er eigentlich hätte schlafen sollen, hatte er sich ans Fenster geschlichen und den Mond beobachtet. Nichts war da zu sehen, kein Raumschiff, kein Astronaut, keine US-Flagge. Der Mond sah aus wie immer.

Als er am nächsten Tag seiner großen Schwester mitteilte, was er gesehen hatte – oder besser: was er nicht gesehen hatte – fing diese an, lauthals zu lachen. Natürlich könne man das nicht sehen, wie denn auch, das sind ja fast vierhunderttausend Kilometer Entfernung … aber im Fernsehen, da hätte man es sehen können, erklärte sie ihm.

Aha.

Im Fernsehen also.

Bei ihm zu Hause gab es zu dieser Zeit noch gar keinen Fernsehapparat. So etwas hatten nur die Leute, die über mehr Geld verfügten als seine Familie. Die konnten dann auch einen Mann auf dem Mond sehen. Wenn es im Fernsehen zu sehen ist, dann muss es also wahr sein…. hmmm, einem Beinahe-Vierjährigen konnte man so etwas ja erzählen, der wird das dann schon glauben. Man hätte ihm auch beibringen können, seinen eigenen Augen zu trauen, aber da das niemand tat, würde er das in Zukunft wohl selbst tun. 

„…selbst tun.“

Er hatte das gerade niedergeschriebene nochmals gelesen. War das ein guter Einstieg in die Geschichte?     

In seine Geschichte?

Er hielt es für eine gute Idee, dem Tagebuch, dass er schreiben wollte, seine eigene bisherige Geschichte von Kindheit an voranzustellen. Schließlich ist das Aufschreiben der eigenen Geschichte eine feste Größe in der Literatur, und der Mensch ist zugleich Subjekt und Objekt in der Betrachtung der Vergänglichkeit des Individuums, im Angesicht der Unendlichkeit des Seins – zumindest in der Literatur.

 ‚Ach was, in der Literatur – in der ganzen Kultur‘, dachte er, ‚denn was ist Kultur denn anderes als die Fähigkeit des Sich-Erinnerns? Ohne Erinnerung würde man jeden Tag als ganz neu erleben, etwas noch nie da gewesenes, etwas Einzigartiges, Besonderes … so wie ein kleines Kind, ein ganz kleines Kind, ein Baby.

Andererseits, wenn sich die Erinnerungen erst mal zu einem Bild verfestigten und aus den einzelnen Eindrücken eine fortlaufende Geschichte würde … wäre es dann nicht vorbei mit dem wirklich Neuen … man würde ja immer die aktuellen Sinneseindrücke mit dem bereits Bekannten vergleichen, sei es bewusst oder unbewusst. Bekanntes wieder zu finden verspräche ein Gefühl der Sicherheit, und um diese Sicherheit zu erlangen und nicht zu gefährden, würde man nach und nach, vielleicht sogar unmerklich, das Erleben neuer Situationen tunlichst vermeiden wollen und …‘

Stop –

Er hielt inne.

Nur ein Erwachsener konnte so denken. Nicht aber ein Kind, denn das Kind freut sich auf das Neue. Das Kind befürchtet nicht immer gleich das Schlimmste, sondern will einfach nur leben.

Hier.

Jetzt.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fiel ihm auf, wie sehr er es vermisst hatte, ein Kind zu sein. Nicht aus romantischen Motiven oder aus sentimentalen Beweggründen – nein, einfach nur, weil das Kind seinem eigentlichen Leben und Fühlen viel näher war als die anerzogene Selbstbeherrschung.

Selbstbeherrschung.

Was für ein Wort.

Wer Selbstbeherrschung hat, ist also Herrscher und Beherrschter zugleich, denn er herrscht ja über sich selbst. Wie soll das denn funktionieren? Beherrschung erfordert doch immer mindestens zwei Personen – einen, der herrscht und einen, der beherrscht wird. Geht das überhaupt in Personalunion? Wohl kaum. Da müsste man ja zwei sein, schizophren in der landläufigen Verwendung dieses Begriffes, so jemand wie … Jekyll and Hyde.

‚Hmmmm,  da waren wir doch schon mal…‘ fiel es ihm ein. Und gerade Dr. Jekyll war es ja nicht gelungen, Mr. Hyde zu beherrschen. Im Gegenteil, diese dunkle Seite von Jekylls Persönlichkeit hatte nach und nach immer mehr die Oberhand gewonnen…

Wenn also Selbstbeherrschung nur eine Illusion des Erwachsenendaseins ist, wieso erkennt man dann nicht gleich die Vielschichtigkeit der eigenen Person an und gibt dieser Diversität den Freiraum, den sie benötigt? Alles andere muss ja … zwangsläufig … über kurz oder lang … krank machen. 

Sch…

Er registrierte, dass er sich für sein gedankliches Abschweifen selbst tadelte. ‚Ich muss wieder zur eigentlichen Aufgabe zurückkehren‘, redete er sich ein, und um seinem Entschluss Taten folgen zu lassen, startete er den Computer, öffnete das Schreibprogramm und fing an:

  1. November

‚Heute beginne ich damit, mein bisheriges Leben und meine gegenwärtigen Erlebnisse schriftlich festzuhalten. Ich beginne mit meinen frühesten Erlebnissen, an die ich mich erinnern kann …‘

Er versuchte, seine eigene Geschichte aus der Zeit der ersten Mondlandung einigermaßen nachvollziehbar niederzuschreiben und dabei seine Mitmenschen nicht allzu negativ erscheinen zu lassen. Schließlich war er ja kein Zyniker, oder zumindest hielt er sich nicht für zynisch. Vielleicht ein wenig sarkastisch, na ja … gut, aber auch das nur manchmal.

‚Niemandem kann ich so schnell und leichten Herzens vergeben wie mir selbst‘, schrieb er nieder. Als er den letzten Satz nochmals las, bemerkte er, dass er sogar sich selbst gegenüber … nun ja, nicht sarkastisch, aber doch zumindest … sagen wir, „ironisch“ sein konnte.

Darüber war er sehr erleichtert, denn irgendwo hatte er mal gelesen, dass die Fähigkeit zur Ironie ein gutes Stück Intelligenz voraussetzen würde.

„Wieder abgedriftet“, murmelte er leise vor sich hin.

Wem erzählte er das?

Oder: wer erzählte ihm das?

Ja, natürlich war er sowohl der Erzählende als auch der, dem erzählt wurde. So ist das halt nun mal bei Selbstgesprächen.

„Schon wieder abgedriftet“…

Diesmal vermied er es, den Gedanken weiter zu führen.

Warum eigentlich?

Egal.

Also nochmal:

  1. November

Gibt es irgendein historisches Ereignis, dass mit diesem Tag verknüpft ist?  Ach ja, es ist der Geburtstag von Nadine Gordimer. Die südafrikanische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin war als Kämpferin gegen die Apartheid bekannt. Das war vorbildlich, aber was hatte ihr literarisches Werk mit ihm zu tun? Passender schien da schon die Erinnerung an den Geburtstag des amerikanischen Gitarristen Duane Allman. Zusammen mit seinem Bruder Gregg war er Gründungsmitglied und Bandleader der Allman Brothers Band und ein gefragter Session-Musiker. Duane Allmans markantes Gitarrenspiel ist auch auf einigen hervorragenden Produktionen anderer Musiker zu hören. Leider war Duane Allman schon mit 24 Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen.

‚Es war mir immer leichtgefallen, sich Geburtstage, Jahrestage, Todestage und sonstige kalendarische Ereignisse zu merken – unabhängig davon, ob es Bedeutung hatte oder nicht.‘ dachte er sich. Wozu war das gut? War es überhaupt zu etwas gut?

Einige Menschen, die ihn zwar oberflächlich kannten aber ihm nicht sehr nahe standen, waren der Meinung, er wolle mit seinem ausgeprägten Gedächtnis für Jubiläen aller Art seine Mitmenschen auf plumpe Art und Weise beeindrucken und Eindruck schinden. Um diese geistigen Plagiatoren auf Distanz zu halten hatte er schon vor langer Zeit damit begonnen, allen zu erzählen, er habe sich bei „Wetten, dass …“ beworben, um mit einer sehr anspruchsvollen Gedächtnisleistung eine Wette zu gewinnen – nur um dem Moderator und somit auch dem millionenfachen Fernsehpublikum dann postwendend von der Nutzlosigkeit solcher Mnemotechnik zu berichten.

Das wäre ganz nach seinem Gusto gewesen, denn es hatte etwas Eulenspiegel-haftes. Also schrieb er:

20. November. Ich fange an, mich gedanklich und gefühlsmäßig wieder in meine Kindheit zu versetzen. Nachdem ich als Vierjähriger erlebt hatte, dass ein Mensch auf dem Mond die Menschheit mehr zu verzücken wusste als alle anderen Menschen auf der Erde zusammen es hätten tun können, keimte in mir der Gedanke auf, dass es mit eben dieser Menschheit wohl nicht zum Besten bestellt sein könnte. Da sie aber von selbst nicht auf die Idee kämen, müsste man ihnen einen Spiegel vorhalten – so wie …

… ja, genau, so wie Till. Er war der Held meiner frühesten Kindheit: Till Eulenspiegel – einer, der allen alles sagen durfte;
einer, der die anderen beim Wort nahm und sie dadurch ihrer eigenen Lächerlichkeit preis gab;
einer, der den Herrschenden den Spiegel vorhält und dadurch dem einfachen Volk die Augen öffnet.

So wollte ich fortan auch sein:

ein Anarcho vom Feinsten, ein Freigeist vor dem Herrn, ein Narr –
ein Narr im besten Sinne. Keiner von den Narren, die sich an Fasching – oder Karneval oder Fasnacht oder wie diese angeblich fünfte Jahreszeit sonst auch immer genannt wurde – primitiv, tumb und grobschlächtig danebenbenahmen. Nein, ein Narr im Sinne eines Hofnarren, der den Mächtigen durch seine Worte und sein Handeln die Wahrheit aufzeigen durfte. Eine Wahrheit, für deren bloßes Denken andere bereits eingesperrt oder gar hingerichtet worden wären. In seiner Vorstellung war es so:

‚Schon als kleiner Junge hatte ich verstanden:

Um König zu werden, braucht es lediglich die richtige Abstammung.
Um Hofnarr zu sein, braucht es viel mehr, nämlich:   Talent.

Aber die Großen meinten es nicht gut mit mir: Narretei – und sei sie noch so talentiert – wollten sie nicht hören und nicht sehen. Sie konnten es nicht ertragen, und schon gar nicht von einem kleineren, einem jüngeren, einem, der die Mondlandung doch ernsthaft in Zweifel gezogen hatte…‘

…. ‚in Zweifel gezogen hatte.‘

Er las noch einmal die gerade niedergeschriebenen Worte und fragte sich, ob er damals, als kleiner Junge, nicht viel näher am eigentlichen Leben dran war als jetzt.

Instinktiv hatte er als Vierjähriger erkannt, dass es einen untrüglichen Sinn für das Absurde braucht, um sich von der sogenannten Realität nicht blenden zu lassen.

Ob das alle Kinder haben?

Bestimmt, dachte er. Warum sollte er da eine Ausnahme oder etwas Besonderes gewesen sein? Er fuhr mit seinen Aufzeichnungen fort:

‚Das also stellt sich als eine echte Schwierigkeit beim Schreiben dar: die Kindheit ist ja vergangen, Erinnerung nur noch, und bekanntermaßen sind Erinnerungen immer etwas verklärt. Sollte man sie dann überhaupt aufschreiben?

Auf jeden Fall, denn wenn ich es nicht tue, tut es vielleicht jemand anderes. Nein, ich tue es!  Ich will meine Geschichte konservieren, so wie ich sie in Erinnerung habe – die anderen können gefälligst ihre eigene Geschichte aufschreiben.‘

… ‚Geschichte aufschreiben Punkt‘

Na, das war doch schon mal ein Anfang. Für heute soll das reichen.
Morgen ist ja auch noch ein Tag.